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Ein Intverview von Ben Mendelson mit Herdolor Lorenz, Junge Welt 2.01.2017

Herdolor Lorenz ist Filmemacher und arbeitet mit Leslie Franke an Dokumentarfilmen mit gesellschaftlichem Engagement. Ihre letzten Filme „Wer Rettet Wen?“ (2015) und „Water Makes Money“ (2011) sorgten international für Aufsehen.

 F: Ihr aktuelles Projekt „Der marktgerechte Mensch“ beleuchtet den zunehmenden Konkurrenzdruck in der Arbeitswelt. Worum geht es Ihnen dabei?

 A: Wir wollen den Finger in die Wunden der Beschäftigten legen. Die Dreharbeiten fangen gerade in Deutschland an, etwa die Hälfte des Films wird hier spielen. Denn in der BRD wurde unter Schröder der Wettbewerb mit deregulierter Arbeit begonnen. Man sagt den Menschen hier, um uns herum gehe es drunter und drüber aber(weglassen, HL) wir seien das goldene Land, hier sei alles gut. Das passt aber gar nicht zu dem Gefühl der meisten hier lebenden Menschen. Unsere Arbeit fokussiert sich vorerst auf zwei Sektoren: die Arbeit in privatisierten Krankenhäusern und die LKW-Branche in Europa.

 In Hamburg St.-Georg, wo wir leben, macht die private Asklepius-Klinik immer höhere Profite. Gleichzeitig gibt es auf jedem Stockwerk immer weniger Pfleger. Alle Ärzte einer Abteilung haben z.B. einen Brandbrief an die Leitung unterschrieben in dem steht, dass dieser Zustand extrem gesundheitsgefährdend ist. Viele der Pfleger haben befristete oder Werkverträge. Wir waren eine Nacht dort und haben erlebt, dass oft einzelne Pfleger allein für 20 bis 30 Schwerstkranke verantwortlich sind. Das ist Wahnsinn und eine Verachtung gegenüber den Menschen. Die Patienten und Beschäftigten sind am Ende.

F: Wie sieht dieser Wahnsinn in der LKW-Branche aus?

 A: Die meisten Fahrer können nur noch in Konkurrenz zueinander arbeiten, die deutschen zum Beispiel in Konkurrenz zu den rumänischen. Der EU-weit liberalisierte Arbeitsmarkt hat keine Grenzen nach unten. Die Trucker können zu praktisch allem gezwungen werden. Wenn sie dann mit überschrittener Lenkzeit erwischt werden, sind sie dran und nicht die Unternehmer. Hier findet ein ruinöser Wettbewerb statt. Die Fahrer sind heute die abgehängte Schicht der Beschäftigten und müssen Tag und Nacht durch die Gegend fahren.

 F: Wo recherchieren Sie zu diesen Sektoren?

 A: Wir waren schon in Spanien und Portugal und werden auf jeden Fall noch in Italien drehen. Das Land hat in den letzten sieben Jahren eine neoliberale Deregulierung vollzogen, die die Hälfte der Bevölkerung und vor allem die jungen Leute an den Abgrund führt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 42 Prozent. Wir werden dazu vielleicht auch in Frankreich recherchieren. Sicher ist, dass wir in die USA fliegen. Dort wurde uns die Entwicklung vorgemacht, da kann man sehen, wozu eine solche Deregulierung der Arbeit und Entrechtung der Beschäftigten führt.

 Bei uns erleben wir gerade eine radikale Veränderung der Gesellschaft. Es gibt nur noch wenige geschützte Arbeitsbereiche. In der BRD waren vor 20 Jahren noch 68 Prozent der Beschäftigten in einem Vollzeitjob mit Sozialversicherungspflicht – heute sind es nur noch 39 Prozent. Und aktuell arbeiten 43,5 Prozent der Menschen hierzulande in permanenter sozialer und existenzieller Unsicherheit. Auch in St. Georg müssen viele gebildete Menschen drei, vier Jobs haben um über die Runde zu kommen.

 F: Es geht in Ihrer Arbeit also weiter um den Kampf der Superreichen gegen alle anderen. Ist Ihr aktuelles Projekt quasi eine Fortsetzung des Films „Wer Rettet Wen?“, der die Bankenrettung thematisierte?

 A: Definitiv. Die Bankenrettung war eine riesige Umverteilung von Unten nach Oben. Die Superreichen sind in der Krise noch reicher geworden. Und sie investieren auch heute noch bevorzugt in die Finanzindustrie. Dort erwarten sie weit höhere Gewinne als bei Investitionen in die Industrie, wo die Investitionsquote immer weiter sinkt. Es gibt kaum noch Wirtschaftswachstum. Die Schulden dagegen steigen radikal, private wie staatliche. 2000 nach der geplatzten Dot-Com-Blase hatten die gesenkten Zinsen noch zu einem Wachstum geführt, heute steigen trotz der Nullzins-Politik der EZB nur Immobilienpreise in den Metropolregionen und Kurse von Wertpapieren. Wer davon nichts hat, verliert, während wenige Reiche immer reicher werden.

 Auch global gesehen kommt die Armut immer näher. Früher war Europa das prosperierende Zentrum und die Schwellenländer die Peripherie. Heute gelten Deutschland, Österreich, Skandinavien und die Niederlande als Zentrum – der Rest Europas ist abgehängte Peripherie.

 F: Sie sprechen davon, dass Sie einen Film machen, der die Solidarität stärkt. Was ist darunter zu verstehen?

 A: Fast wir alle sehen in den anderen immer mehr Konkurrenten. Gleichzeitig  wird es in Zukunft wohl immer weniger gesicherte Jobs in Industrie und Handel geben. In dieser Situation shen wir es als die wichtigsten Perspektive, dass die vereinzelten Konkurrenten ihre gemeinsamen Interessen erkennen, sich trotz des Wettbewerbs organisieren und zu solidarischen Handen finden. Überall wo Ansätze derartiger Solidarität praktiziert werde, sei es in Betrieben, die nach den Prinzipien des Gemeinwohls arbeiten, Initiativen des Foodsharings oder der Umsonstläden, all diese Bereiche werden wir wichtige Keimzellen einer neuen solidarischen Gesellschaft herausstellen.

 F: Sie haben bereits 45.000 Euro an Spendengeldern für den Film gesammelt. Was ist Ihr nächstes Ziel?

 A: Wir müssen bis zum 1. Juli 110.000 Euro aus den Mitteln der Bürger vorweisen können - sonst sind alle Fördermittel die wir eingeworben haben perdu. In der Filmindustrie werden normalerweise nur Leute gefördert die schon viel Geld haben. Der Teufel scheißt eben auch hier auf den größten Haufen.

 Interview: Ben Mendelson

   

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