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Radio Helsinki, Interview mit Herdolor Lorenz

Die Kino-Besucher in Berlin beurteilten den Film als authentisch, aufklärend und sachlich. Regie übernahm Leslie Franke und Herdolor Lorenz. Was kann für Fans von Dokumentarfilm schöner sein als ein aufklärender, werbefreier, 99 Filmminuten dauernder Filmgenuss. Gedreht wurde "Der marktgerechte Mensch" in Deutschland im Jahre 2020. Diesen Film sollten Sie nicht versäumen.
Berlinien.de

Als lebensnah, informativ und sachlich kann man diesen Kinofilm bezeichnen. Durch die Regie von Leslie Franke und Herdolor Lorenz bekam der Kinofilm eine typische Note. Fans von Dokumentarfilm werden 99 Min. lang gut unterhalten. 2020 in Deutschland produziert, gelangt "Der marktgerechte Mensch" jetzt in die Kinos.
 

 
Filmpremiere macht nachdenklich: Bücher am Markt zeigt Dokumentation über die Auswirkungen von Kapitalismus

Der Film „Der marktgerechte Mensch“ übt große Kritik am Kapitalismus. Gezeigt wurde er in der Buchhandlung Bücher am Markt.

Sehr gut besucht ist die Filmpremiere von „Der marktgerechte Mensch“ bei Bücher am Markt in Stockach. nach dem Film tauschen sich die Anwesenden noch aus. Bild: Susanne Schön

VON SUSANNE SCHÖN

Schon immer habe sie sich eine Filmaufführung in ihrer Buchhandlung gewünscht, bekannte Diana Taddia. Darum freute sie sich selbst auf die Premiere des Films „Der marktgerechte Mensch“.

Das Thema interessierte wohl viele Menschen, denn alle Sitzplätze waren belegt und manch einer verschaffte sich stehend einen Überblick. Das freute Hans Steisslinger, der den Film kurz vorstellte und den anschließenden Austausch moderierte.

Film ist furch viele Spender ermöglicht worden

„Der marktgerechte Mensch“ ist ein über Crowdfunding finanzierter Film, das heißt mehr als 2500 Menschen haben ihn mit kleinen und großen Spenden ermöglicht.

Der Film zeichnet ein menschenverachtendes Bild der europäischen und globalen Wirtschaft. Die soziale Marktwirtschaft und gesellschaftliche Solidarsysteme, die hart erkämpft wurden, stünden zur Disposition.

Belegt wird dies anhand Beispielen von Radkurieren, dem Leben rumänischer LKW-Fahrer, Arbeitnehmern in Billigmode-Ketten, aber auch Arbeitnehmern, die in der Wissenschaft arbeiten und Menschen, die in der Geschäftsassistenz scheinbar florierender Unternehmen arbeiten.

Diana Taddia freut sich, dass in ihrer Buchhandlung die Filmpremiere von „Der marktgerechte Mensch“ läuft. Hans Steisslinger hat den Film vorgestellt und moderiert den anschließenden Austausch.

Zudem wird der neue Arbeitsmarkt von Freiberuflern im digitalen Bereich vorgestellt und die Arbeitsbedingungen in äthiopischen Industrieparks, in denen vor allem Näherinnen für global agierende Textilunternehmen tätig sind.

„Fatal ist, dass all diese gezeigten Arbeits- und Lebensformen sehr oft mit sozialer Isolierung und Einsamkeit verbunden sind“, steht in der Pressemitteilung zum Film.

Es gibt Gegenmodelle zum Kapitalismus

Oftmals könnten auch in Deutschland Menschen nicht von ihrem Job leben. Die Last von Vereinsamung und Überforderung wird klar geschildert. Das Fatale daran sei: Viele glaubten selbst schuld zu sein und schämen sich.

Doch auch Auswege werden geschildert, Solidarisierung und Schaffung von Netzwerken beispielsweise oder die Gemeinwohlökonomie als Gegenstück zur freien Marktwirtschaft. Im Austausch nach dem Film war der komplexe Finanzmarkt und seien Auswirkungen großes Thema.

 


"Der marktgerechte Mensch": So asozial werden Arbeitnehmer ausgebeutet

Der marktgerechte Mensch läuft am 16. Januar in den deutschen Kinos an

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Deutschland - Diese Doku wird für viele Diskussionen sorgen! "Der marktgerechte Mensch" (Kinostart am 16. Januar) von Leslie Franke und Herdolor Lorenz blickt hinter die Kulissen des Arbeitsmarktes, der sich immer schneller dreht.

Wissenschaftliche Mitarbeiter demonstrieren vor dem Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin gegen immer neue befristete Verträge und schlechte Bezahlung.
Wissenschaftliche Mitarbeiter demonstrieren vor dem Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin gegen immer neue befristete Verträge und schlechte Bezahlung.

Der Film zeigt auf, wie sehr Arbeitnehmer ausgebeutet- und als menschliche Ware behandelt werden, die irgendwann "entsorgt" wird.

Der erste Protagonist ist dafür das perfekte Beispiel. Lukasz kam 2016 nach Deutschland und arbeitet zu Beginn als Fahrer für Deliveroo. Angestellt ist er dort aber nicht.

Er muss sich aufgrund des äußerst fragwürdigen Systems als Freelancer durchschlagen. Seine Steuern und Krankenkassenbeiträge muss er daher selbst zahlen.

Dazu ist er einem Computersystem ausgeliefert: Ein Algorithmus errechnet, wie viel er pro Bestellung verdient. Lukasz muss hoffen, dass der ihm die wenigen guten Schichten zuteilt, denn nur in diesen verdient man ganz gut und macht Gewinn.

Er hat also keine Planungssicherheit und arbeitet isoliert von seinen Kollegen - dahinter steckt natürlich eine Strategie: Die Fahrer sollen sich nicht zusammenschließen und über die widerwärtige Ausbeutung sprechen.

Die ist nämlich Normalität. Als Lukasz einmal einen Unfall hatte und mit einer Gehirnerschütterung ein paar Tage ausfiel, wurde er zurückgestuft, bekam also schlechtere Schichten zugewiesen und hatte Probleme, seine Miete zu bezahlen und einzukaufen.

 
 
 

"Der marktgerechte Mensch" sorgt für ein hintergründiges Verständnis des Arbeitsmarktes

Die Kunstperformance "1000 Gestalten" zum G20-Gipfel 2017 in Hamburg war ein Zeichen des kreativen Protests für mehr Menschlichkeit und Eigenverantwortung.
Die Kunstperformance "1000 Gestalten" zum G20-Gipfel 2017 in Hamburg war ein Zeichen des kreativen Protests für mehr Menschlichkeit und Eigenverantwortung.

Im Juli 2019 zog sich Deliveroo dann aus Deutschland zurück. Am Montag wird Lukasz darüber informiert. Am Freitag ist er arbeitslos.

Schicksale wie seine gibt es in der heutigen Zeit zuhauf. Immer mehr Menschen sind befristet angestellt. Wissenschaftliche Mitarbeiter bekommen beispielsweise nur eine einmonatige Verlängerung. Der Wettbewerb und der Konkurrenzdruck sind also groß, das Stresslevel extrem hoch.

Mitarbeiter von "H&M" demonstrierten beispielsweise gegen Flexverträge. Auf ihren Plakaten steht vielsagend: "Heute nützlich & morgen Müll!"

So wie ihnen geht es vielen Personen. Franke und Lorenz begeben sich auf die Spuren dieses Systems, das für viele soziale Missstände verantwortlich ist und decken dabei viele Dinge hintergründig auf.

Sie lassen etliche interessante Menschen ihre Geschichten erzählen. Experten sorgen dann mit ihren Aussagen für ein zusammenhängendes Verständnis dieses komplexen und vielschichtigen Themas.

Auch die Folgen von arbeitsbedingtem Stress zeigen sie auf. Einige Personen erzählen nämlich, wie sie irgendwann an dem anhaltenden Druck zerbrachen und nicht mehr konnten.

"Der marktgerechte Mensch" deckt viele Missstände im System auf

Dietrich Weinbrenner (r.) mit einer äthiopischen Näherin. Vor Ort bekam er Einblicke in den schrecklichen Arbeitsalltag der Textilfabriken.
Dietrich Weinbrenner (r.) mit einer äthiopischen Näherin. Vor Ort bekam er Einblicke in den schrecklichen Arbeitsalltag der Textilfabriken.

Den Machern gelingt es also auch, Sensibilität für diese universelle Thematik zu erschaffen. Denn wie schon in "Der marktgerechte Patient" (2008) beschäftigen sie sich mit großen und aktuellen Fragen, die viele Menschen tagtäglich betreffen.

Zudem macht der Film auch Hoffnung, weil er zeigt, dass es einen Wandel gibt, sich immer mehr Arbeitnehmer zusammenschließen und gegen dieses asoziale System, das nachweislich der menschlichen Natur widerspricht, aufbegehren.

Einige Unternehmen agieren als Trendsetter und legen Wert auf flache Hierarchien, demokratische Entscheidungen und einen sozialen Umgang mit- und untereinander. Auch das wird gezeigt.

Dennoch gibt es genug Gegenbeispiele. Wenn in äthiopischen Nähfabriken schlecht bezahlte Arbeiterinnen (27 Dollar im Monat) viele Stunden auf ihrem Platz sitzen, nicht trinken, nicht auf Toilette gehen und keine Pause machen, weil ihre Reihe sonst weniger schafft, ist das erschütternd.

So ist "Der marktgerechte Mensch" eine wichtige Dokumentation geworden, die viel zur anhaltenden Diskussion um einen sich wandelnden Arbeitsmarkt beiträgt, weil sie hintergründig und abwechslungsreich beleuchtet, wie komplex diese Thematik ist.

 


Der Dokumentarfilm von Leslie Franke und Herdolor Lorenz deckt anhand von Beispielen auf, wie in unserer neoliberalen Moderne von jedem erwartet wird, jeden noch so prekären Job zu akzeptieren, um geringe Rentenpunkte einzusammeln.

Es wird immer härter einen Job für's Leben zu finden. Ein Beispiel von vielen ist H&M, deren Mitarbeiter sogenannte Flex-Arbeitsverträge vorgelegt bekommen, die beinhalten, für flexible Arbeitszeiten zur Verfügung zu stehen, was Arbeit auf Abruf bedeutet. Ein Problem im gesamten Textil-und Einzelhandel. Hinzu kommt, 90% der Verträge sind befristet und gelten meistens nur für ein Jahr.

Immer weiter verbreitet sich das sogenannte Crowd – Working, bei dem Menschen zu Hause isoliert vor ihrem Rechner sitzen, keinen sozialen Austausch mit Kollegen haben, ihre eigene Arbeitskraft sind und wenn ihnen das nicht gelingt, sind sie raus. Wer der Selbstoptimierung nicht gewachsen ist, hat sich das selbst zuzuschreiben, kann niemanden anders dafür verantwortlich machen und fühlt sich als Versager. In den seltensten Fällen wird das System dafür verantwortlich gemacht. Es geht nur noch um Profit und Wettbewerb. Am interessantesten und eindringlichsten, sind die Momente, in denen Betroffene zu Worte kommen. Es stellt sich die Frage, ob in dieser kapitalistischen Welt, kooperatives Wirtschaften überhaupt möglich ist. Die kapitalistische Profitmaximierung sorgt für Armut, Ungleichheit und Ausgrenzung. Der Film zeigt erschreckende Beispiele von Ausbeutung und Sozialdumping. Große Firmen lassen in Ländern produzieren, wie in Südosteuropa, wo es keine gewerkschaftlichen Zonen gibt und Menschen bis zum Umfallen ausgebeutet werden.

Inzwischen ist auch Äthiopien ein Hotspot der globalisierten Wirtschaft. Schwerpunkt: Textilindustrie. Dort werden sogenannte Industrieparks gebaut, mit unmenschlichen Ergebnissen für die Arbeiter.

Weit verbreitet ist die Aufforderung, während der Arbeitszeit doch bitte Windeln zu tragen, um die Toilettengänge zu minimieren. Interessant und erschütternd, sind die Beiträge von Ärzten, die anschaulich schildern, was das bei Menschen physisch und psychisch auslöst.

Beschämend: Deutschland ist in Europa das Land, mit der zweitgrößten Vermögensungleichverteilung. 36 Milliardäre besitzen genau so viel, wie die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung. Wir haben in Deutschland den größten Niedriglohnsektor in Europa. Was wir dringend brauchen ist eine Gemeinwohlökonomie. Eine Reihe von Firmen haben das erkannt und umgedacht. Einige davon werden hier vorgestellt. Für den einzelnen Menschen ist es unmöglich, sich aus diesen menschenverachtenden Bedingungen zu befreien. Nur gemeinsam kann man dieses Wirtschaftssystem ändern.

Ulrike Schirm

Film der Woche

Filmtipp „Der marktgerechte Mensch“: Wie Konkurrenz die Gesellschaft ruiniert

Nils Michaelis17. Januar 2020
Symbol für die Ausbeutung atomisierter Mitarbeiter: Die „1000 Gestalten“ am Rande des G20-Gipfels in Hamburg
Symbol für die Ausbeutung atomisierter Mitarbeiter: Die „1000 Gestalten“ am Rande des G20-Gipfels in Hamburg
Was der Wirtschaft nutzt, hat mitunter fatale Folgen: Der Dokumentarfilm „Der marktgerechte Mensch“ zeigt, wie immer mehr Arbeitnehmer*innen zu Einzelkämpfer*innen werden. Doch es gibt Hoffnung.

Die Dokumentationen, die die Hamburger Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz seit Jahren auf den Markt bringen, sind immer auch als Ausdruck gesellschaftlichen Engagements zu sehen. Die vor allem über Subskriptionen finanzierten Filme sollen aufrütteln und aufklären. In „Wer rettet wen?“ und „Der marktgerechte Patient“ befassten sich die beiden mit den Folgen der Finanzkrise und den Missständen im deutschen Gesundheitssystem.

Rigoroses Konkurrenzdenken und zunehmende Isolation

„Der marktgerechte Mensch“ baut in gewisser Weise darauf auf. Auch hier skizzieren Franke und Lorenz, wie sich seit den Nullerjahren und dem Primat der Ökonomisierung vieler Lebensbereiche ein Berg von Problemen angehäuft hat. Gegenstand der Betrachtung ist der deutsche Arbeitsmarkt. In vielen Bereichen, so der Befund, haben sich ein rigoroses Konkurrenzdenken und eine zunehmende Isolation unter den Arbeitnehmer*innen ausgebreitet. Beides spielt den Interessen der Wirtschaft in die Hände. Begünstigt wird das Ganze durch einen zunehmenden Ego-Kult, der nicht nur in sozialen Netzwerken ausgelebt wird.

 In Zeiten einer gewaltigen Entsolidarisierungsmaschinerie werden Beschäftigte, wie es Sozialforscher*innen formulieren, atomisiert. Jeder kämpft für sich allein. Immer wieder wird dies mit Aufnahmen von den „1.000 Gestalten“ illustriert: Von Kopf bis Fuß mit grauem Lehm bedeckt, wanken die Aktionskünstler*innen am Rande des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wie „Zombies des Kapitalismus“ über den Asphalt.

Fast unmöglich, sich zusammenzuschließen

Möglich wird diese Vereinzelung zum Beispiel durch „smarte“ Geschäftsmodelle. Für einen Essens-Lieferdienst tätige Fahrradkuriere berichten, wie nicht Betriebsvereinbarungen, sondern ein Algorithmus ihren Arbeitsalltag bestimmt. Haben sie aus dessen Sicht zu wenige Aufträge am Tag erledigt, werden sie aussortiert. Weil sich die Kuriere, die sich offiziell als Selbständige verdingen, untereinander kaum kennen, ist es fast unmöglich, sich zusammenzuschließen und für faire Bedingungen einzusetzen.

Dass Arbeitnehmer*innen in vielen Branchen zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen sind, macht auch der Blick auf den Bekleidungshandel deutlich. Mitarbeiterinnen schildern, wie sie angesichts „flexibler“ Verträge mit einer Mindeststundenzahl arbeiten. Viele müssen mit Leistungen des Jobcenters aufstocken, wenn der Branchenriese mal wieder die Stundenzahl herunterfährt, weil es rentabler erscheint. So wird das unternehmerische Risiko auf die Belegschaft abgewälzt, die angesichts mehrfach befristeter Arbeitsverträge ohnehin um ihre Zukunft bangt.

Mit mageren Honoraren abgespeist

Ob Hochschulen, Lkw-Fahrer oder Unternehmen im Bereich Erneuerbarer Energien: Franke und Lorenz machen jene Atomisierung an vielerlei weiteren Beispielen deutlich. Ganz zu schweigen von der Beschäftigungsform des Crowdworking: Auftraggeber*innen verteilen Texte und andere Kleinstprojekte weltweit an Freelancer*innen, die sich damit abfinden, mit magereren Honoraren abgespeist und bei ihrer Arbeit am Rechner überwacht zu werden.

Sachlich berichten die Betroffenen aus ihrem Leben und machen Fehlentwicklungen, die mitunter eine Folge umstrittener politischer Entscheidungen sind oder durch Untätigkeit aufseiten der Politik ermöglicht werden, konkret. Somit ist der Film nicht nur äußerst engagiert, sondern auch informativ, wenngleich ein Off-Kommentar, der die Gesprächssequenzen in einen größeren Kontext einrahmt, fehlt.

Alternativen sind möglich

Dass all diese Kennzeichen gegenwärtiger Beschäftigungsformen mit dem gesunden Menschenverstand unvereinbar sind, liegt auf der Hand. Die, mitunter als innovativ empfundene oder zumindest entsprechend vermarktete, Vereinzelung widerspricht aber auch der menschlichen Natur. Entwicklungspsychologen machen das an praktischen Beispielen deutlich. So steht die Hoffnung im Raum, dass sich nur genug Menschen dessen bewusst werden müssen, um etwas zu verändern.

Und im Kleinen hat sich durchaus etwas verändert. Das zeigt eine wachsende Zahl von Unternehmen in Deutschland, die sich verbindlichen Gemeinwohl-Kriterien verschrieben haben. Ihr ökonomischer Erfolg ist mitunter ungewiss, doch die Alternative zum Ellenbogen-Modell steht klar im Raum. Zu diesem und weiteren im Film präsentierten Beispielen passt, dass die „1.000 Gestalten“ am Ende ihre grauen Kleider abstreifen und neue Kraft schöpfen.

Menschengerechter Markt ist möglich

In Sachen Erzählweise und Bildsprache könnte „Der marktgerechte Mensch“ dynamischer und subtiler sein. Jedoch schärft der Film das Bewusstsein für die düstere Seite der oft in so leuchtenden Farben gemalten Welt von Konsum und Dienstleistungen. Und dafür, dass ein menschengerechter Markt nicht nur nötig, sondern auch möglich ist.

Info: „Der marktgerechte Mensch“ (Deutschland 2020), ein Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz, 99 Minuten

 

Filmkritik

Der Wahnsinn ist nicht alternativlos

 In einer Welt des sich stetig beschleunigenden Wettbewerbs wird wieder über gesellschaftliche Solidarsysteme und erstrittene Arbeitsrechte diskutiert. "Der marktgerechte Mensch" zeigt die verheerenden Folgen für das gesellschaftliche Gefüge anhand von Einzelschicksalen im modernen Kapitalismus.

Die Floskel von der Gesellschaft im Umbruch klingt oftmals zu abstrakt, um den krassen Wandel, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, umfassend zu begreifen. Wie stark sich dieser auf das Individuum auswirkt, wenn man nicht gerade zu den Gewinnern gehört, macht der deutsche Dokumentarfilm "Der marktgerechte Mensch" deutlich.

Es wird nicht nur Arbeit outgesourct, sondern auch die Verantwortung für die Menschen, die Umwelt und die Einhaltung von Gesetzen. So stellt der Dokumentarfilm Fahrer von Essenslieferanten vor, denen ein Algorithmus die Arbeit diktiert, und er zeigt die Probleme von Crowdworkern, die sich auf Internet-Plattformen gegen die weltweite Konkurrenz durchsetzen müssen. "Der marktgerechte Mensch" erklärt auch, unterbaut mit wissenschaftlicher Expertise des Soziologen Simon Schaub, wie die Last auf den Schultern der Beschäftigten zu Burnouts und Depressionen führen kann. Zu allem Überfluss setzt das stetige Konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt eine "Entsolidarisierungs-Maschinerie in Gang", wie es die Regisseure Leslie Franke und Herdolor Lorenz beschreiben.

Allerdings liefert der Film auch einen Hoffnungsschimmer und zeigt, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist. So werden Betriebe vorgestellt, die sich dem Prinzip des Gemeinwohls verschrieben haben, und junge Menschen, die sich für einen Systemwandel einsetzen.


Am 14.01. fand im Abaton Kino in Hamburg die Premiere des Films "Der marktgerechte Mensch" statt. Es ist eine sozialkritische Dokumentation, die den immer unmenschlicheren Arbeitsmarkt in Deutschland und auch darüber hinaus beleuchtet, die Auswirkungen dadurch auf uns als einzelne Menschen sowie unser soziales Gefüge thematisiert, Beispiele für alternative Wege aufzeigt und ganz allgemein zum Denken anregt.

In diesem Film kommen auch H&M-KollegInnen zu Wort und berichten von ihren Eindrücken und Erfahrungen im Umgang mit H&M als Arbeitgeber. "Spätestens seit der großen Finanzkrise ist unser Arbeitsmarkt im Umbruch. Die soziale Marktwirtschaft und die über Jahrzehnte erstrittenen Solidarsysteme werden mehr und mehr ausgehebelt. Der sich immer weiter beschleunigende Wettbewerb bringt das gesamte gesellschaftliche Gefüge in Gefahr. Unser soziales Bindegewebe droht durch Verarmung, Vereinzelung und Entsolidarisierung zu zerbrechen. 

Nachdem Leslie Franke und Herdolor Lorenz sich in "Der marktgerechte Patient" (2018) kritisch mit dem akuten Zustand unseres Gesundheitssystems auseinandergesetzt haben, erzählt DER MARKTGERECHTE MENSCH anhand einer repräsentativen Auswahl von Fallbeispielen nun von den verheerenden Veränderungen unseres Arbeitsmarkts. Unsichere und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Algorithmusgesteuerte Arbeitsprozessen und Crowdworking haben unser Leben in den letzten Jahren rasant verändert - und nicht selten zu zerstörten Lebensläufen und psychischen Erkrankungen geführt. Der Film zeigt aber auch Solidarität zwischen jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten, und stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften. DER MARKTGERECHTE MENSCH will Mut machen und dazu motivieren, sich zusammenzuschlieflen und einzumischen. Denn ein anderes, gerechteres Leben ist möglich!" Zur Premiere eingeladen waren unter anderem Saskia Stock und Peter Kawan von H&M, sowie viele weitere Betroffene und Berichtende aus dem Film, welche nach der Aufführung den Zuschauern im Kinosaal für Fragen und Diskussionen bereit standen. Dabei wurden vor allem die Streiks, gewerkschaftliche Organisation und Betriebsratsarbeit von den Filmemachern Franke und Lorenz als Positivbeispiel sich gegen die Entmenschlichung der Arbeit zu engagieren, hervorgehoben und die anwesenden KollegInnen konnten dem interessierten Publikum davon berichten.

"Der marktgerechte Mensch" wird ab dem 16.01. in ausgewählten Kinos und anderen Aufführungsorten gezeigt. 

Hier findet sich eine Karte und Liste der Aufführungen, damit ihr wisst, wann der Film in eurer Nähe gezeigt wird. Alle weiteren offiziellen Informationen zum Film findet ihr hier!


 Die Arbeitswelt von heute – chaotischer denn je – wird schon seit Ewigkeiten von einem anhaltenden gesellschaftlichen Diskurs begleitet. Wenig verwunderlich finden sich so immer mehr Beiträge zu Themen wie Arbeitnehmerstreiks, Arbeits- und Altersarmut, Befristungen bei Arbeitsverträgen und die scheinbar generell zunehmende Unzufriedenheit im Arbeitssektor. Der marktgerechte Mensch, angelegt als ein sozialgesellschaftliches Portrait über unsere Zeit, versucht aber noch einen Schritt weiter zu gehen. Währendem vergleichbare Dokumentationen oftmals den Finger auf die Wunde der gesellschaftlichen Strukturen legen, fokussierten sich Leslie Franke (Der marktgerechte Patient) und Herdolor Lorenz nicht nur auf die Missstände und Schattenseiten der modernen Arbeitswelt, sondern darüber hinaus auch auf die neuen Arbeitsmodelle von morgen.

Die Welt im Wandel
Während für viele ein 40-Stunden Job ein ganzes Leben lang noch zum Alltag gehört, zeigt sich nicht erst seit gestern, dass ein gesellschaftlicher Wandel in diesem Bereich stattfindet. Ganz im Sinne des Post-Materialismus untermauert Der marktgerechte Mensch hinsichtlich dessen den Bedeutungszuwachs von Partizipation, Anerkennung und ganz besonders individueller Entfaltung im selbstständigen Sinne sowie die Forderung nach mehr Mitbestimmung, Transparenz, Menschenwürde, ökologischer Nachhaltigkeit und Solidarität aus Arbeitnehmersicht. Einmal mehr stehen so Missstände wie die schlechten Arbeitsbedingungen bei beispielsweise Textilherstellern im Raum. Aufgrund der stark etablierten Züge des Kapitalismus – Zeit ist schließlich Geld – kommt Der marktgerechte Mensch aber an einem Punkt wie die meisten vergleichbaren Dokumentationen nur schwerlich weiter. Vereinzelte Lösungen werden vor dem Hintergrund nämlich nur oberflächlich behandelt.

Kooperation statt Kompetitivität
Beim Blick auf Freelancing, Coworking-Places oder die generelle Vernetzung von Arbeitnehmern wie beispielsweise bei Crowdflower entstehen fast tagtäglich dynamische Entwicklungen in der Arbeitswelt. Das Portrait von Franke und Lorenz macht in der Hinsicht deutlich, dass es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist, bis vereinzelte Strukturen sowohl im sozialen als auch politischen Sinne durch neue abgelöst werden. Untermauert wird dies mit Argumenten gegen das generelle kapitalistische System, welches für die menschliche Ausbeutung, Entsolidarisierung und die individuelle Vereinsamung anhand der Beispiele von Deliveroo und H&M  hart kritisiert wird.

Eine neue Herangehensweise
Ähnlich wie beim Thema des Grundeinkommen, mit dem sich auch schon Free Lunch Society: Komm komm Grundeinkommen beschäftigt hat, fällt es schwer aus dem herkömmlichen Denken heraus zu kommen. Der marktgerechte Mensch zeigt vor dem Hintergrund aber gleichermaßen, dass neue Ideen dringend gebraucht werden, um nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt weiter voran zu bringen. Dem Aufzeigen von Missständen verschrieben, kommen Franke und Lorenz zu dem Urteil, dass es in puncto Arbeiterausbeutung, den herkömmlichen Beschäftigungsverhältnissen und dem – übertrieben gesagt – Gegenseitig kaputt machen so nicht weiter gehen kann.


Der marktgerechte Mensch

 

Deutschland 2020
Dokumentarfilm

Kinostart: 16.01.2020
Verleih: Salzgeber & Co. Medien GmbH
Regie: Leslie Franke
Drehbuch: Herdolor Lorenz
Kamera: Hermann Lorenz, Stefan Corinth, Felix Nasser, Severin Renke, Christophe Orcand, Edie Laconie, Carmine Grimaldi
Mitwirkende: Peter Ulrich, Eva Illouz u.a.
Laufzeit: 99 min, deutsch-englisch-französische OF, teilweise mit deutschen UT
Format: Digital, Farbe
Barrierefreie Fassung: nein
FSK: ab 6 J.
Altersempfehlung: ab 15 J.
Klassenstufen: ab 10. Klasse
Themen: Arbeit, Ausbeutung, Widerstand, Wettkampf, Kapitalismus
Unterrichtsfächer: Sozialkunde/Gemeinschaftskunde, Politik, Wirtschaft, WAT/Arbeitslehre, Ethik, Geschichte
 
Der marktgerechte Mensch wirft einen kritischen Blick auf die Arbeitswelt im Wandel und zeigt, dass Trends wie Outsourcing und Crowd-Working (Freiberufler/-innen erhalten durch Vermittlung auf digitalen Plattformen Klein- und Kleinst-Aufträge) das individuelle Wohlbefinden und den sozialen Zusammenhalt ernsthaft bedrohen. Zu Wort kommen unfreiwillig Selbstständige, geringfügig Beschäftigte, aber auch Lehrende an Universitäten, die nur Kurzzeitverträge erhalten und damit über keine soziale Absicherung verfügen. Es wird gezeigt, in wie vielen Arbeitsfeldern – etwa Dienstleistung, Einzelhandel, Lehre, Wissenschaft und Pflege – bereits ein Mangel an sozialer Sicherheit herrscht. Immer weniger Menschen profitieren von jahrzehntelang erstrittenen Solidarsystemen. Beispielhaft wird aufgezeigt, dass die Ausbeutung der Arbeitenden vielerorts keine Ausnahme, sondern die Regel ist. Eine mögliche Alternative bietet das im Film vorgestellte Modell des gemeinwohlorientierten Wirtschaftens, bei dem sich in der Bilanz eines Unternehmens nicht nur der finanzielle Gewinn, sondern auch die Gemeinwohlbilanz findet.

Die Filmschaffenden Leslie Franke und Herdolor Lorenz (Der marktgerechte Patient, 2018) beschäftigen sich schon lange mit der (kapitalismus-)kritischen Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen. Ihr Dokumentarfilm wurde durch Crowdfunding finanziert und basiert auf Interviews, die sie mit Bildern aus der Arbeitswelt und Aufnahmen der Performance "1000 Gestalten" kombinieren, die während der G20-Proteste 2017 in Hamburg stattfand. Damals visualisierten hunderte grau gekleidete Frauen und Männer wortlos, wie sehr Druck und Konkurrenz dem Einzelnen zusetzen. Obwohl der Dokumentarfilm überwiegend auf klassische Experten-Gespräche verzichtet und Betroffenen das Wort gibt, erinnert die themenzentrierte Herangehensweise streckenweise eher an eine TV-Reportage als an einen Kinofilm. Dennoch lohnt sich die Betrachtung im Unterricht, weil die gut recherchierten Einzelschicksale die Kehrseite der "neuen" Arbeitswelt beleuchten. Zu den Stärken des Films gehört es auch, dass er den Blick über den europäischen Tellerrand wagt und zeigt, dass die New Economy längst auch jenseits des Äquators, wie in der äthiopischen Textilindustrie, angekommen ist.

Jobmodelle, die etwa durch flexible Arbeitszeiten Freiheit und Selbstbestimmung versprechen, wirken zunächst attraktiv. Es ist deshalb wichtig, auch die Nachteile solcher Arbeitsstrukturen zu besprechen. Dies kann im Rahmen der Berufsorientierung stattfinden, lässt sich aber auch in den Gemeinschaftskundeunterricht integrieren, in dem unter anderem die gesellschaftlichen Folgen flexibilisierter Arbeitsverhältnisse untersucht werden sollten. Ausgehend vom Film können Jugendliche selbst zum Thema recherchieren und dazu berufstätige Bekannte oder Familienangehörige interviewen. Dabei lässt sich nicht nur die aktuelle Lage, sondern ebenso die Frage nach sozialer Absicherung und Arbeitnehmerrechten erörtern (zum Beispiel in Hinblick auf die gewerkschaftliche Interessensvertretung). Grundsätzlich empfiehlt es sich, mit den Schüler/-innen die Haltung der Filmschaffenden zu ihrem Sujet zu analysieren und zu diskutieren. Dabei kann das Regie-Statement, das auf YouTube zur Verfügung steht (siehe Linkliste), herangezogen werden.
Autor/in: Luc-Carolin Ziemann, 16.01.2020

Filmtipp: Der marktgerechte Mensch

Hartwig Tegeler

 Während der Freizeit oder bei der Arbeit: Überall optimiert der moderne Mensch sich selbst. Die Dokumentation "Der marktgerechte Mensch" von Leslie Franke, Alexander Grasseck und Herdolor Lorenz fragt nach den Folgen dieses Trends für das Zusammenleben. Ab 16. Januar 2020 im Kino.

Dr. Ellis Huber, ehemaliger Chef der Ärztekammer Berlin, konstatiert im Film „Der marktgerechte Mensch“:

Dieser kontinuierliche Stress und diese Angst, verloren und verlassen zu sein, macht heute die häufigsten Krankheiten, die in die Arztpraxis kommen.

Ellis Huber, Arzt

Toilettengang gespart: mit Windel an den Arbeitsplatz

Der Strukturwandel hat Folgen für den gesellschaftlichen „Gesamtkörper“. Diese Folgen beschreiben Leslie Franke und Herdolor Lorenz am Beispiel von Beschäftigten des Einzelhandels, die auf Abruf arbeiten, die Näherinnen der Textil- und Bekleidungsindustrie in Äthiopien, die aufgefordert werden, mit einer Windel an ihren Arbeitsplatz zu gehen, um nicht während ihrer Schicht auf die Toilette gehen zu müssen, weil das den „Workflow“ unterbrechen würde.

Wir begegnen Crowdworkern, die auf Internet-Plattformen ihre Arbeit anbieten und mit der ganzen Welt konkurrieren. Wissenschaftliche Mitarbeiter kommen zu Wort, die sich in bisher sicher geglaubten Arbeitsstrukturen wie Universitäten heute in kurzfristig befristeten Anstellungen wiederfinden. Oder wir sehen Lukasz, den Essenslieferanten, der mit seinem Fahrrad durch eine Stadt wie Hamburg hetzt und dabei von einem Algorithmus gesteuert wird:

Wir sind alle Freelancer, Freiberufliche. Das heißt, Delivero hat keine angestellten Fahrer. Es ist alles ganz prekär, da wir nie wissen, wie viel wir verdienen werden.

Lukasz, Essenslieferant bei Delivero

Im Neoliberalismus ist jeder seines Glückes Schmied

Leslie Franke und Herdolor Lorenz gelingt es in „Der marktgerechte Mensch“ überzeugend, die sich radikal verändernden Strukturen der Arbeits- und Lebensformen zu analysieren und die Konsequenzen dieses Wandels zu zeigen. Psychologen, Soziologen und Mediziner beschreiben das Denken und die Ideologie, die Basis dieses Wandels ist.

Die schöne neue Arbeitswelt basiert, wie der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling sagt, auf einem Versprechen:

Wenn du an dir arbeitest, dann wirst du wirtschaftlich erfolgreich sein, du kannst reich werden, du wirst beziehungsfähig sein, du wirkst Freunde finden [...] Wenn du dich nicht genügend unternehmerisch orientierst, nicht genügend in diesem Sinne an dir arbeitest, dann wirst du schon sehen, wo du landest. Dann musst du damit rechnen, dass du abstürzt.

Ulrich Bröckling, Soziologe

Ulrich Bröckling zeigt damit die Ideologie des Neoliberalismus' und seine Vorstellung vom „marktgerechten Menschen“.

Isolierung und Einsamkeit, Depression und Schuldgefühle

Der Film „Der marktgerechte Mensch“ zeigt Arbeits- und Lebensformen, die geprägt sind von Isolierung und Einsamkeit, Depression und der eigenen Schuldzuweisung für das eigene gesellschaftliche Schicksal.

Damit liegt es auf der Hand, dass Leslie Frankes und Herdolor Lorenz' Film „Der marktgerechte Patient“ und die aktuelle Doku „Der marktgerechte Mensch“ zusammengehören. In der  kritischen Bilanz des Gesundheitssystems in der Doku von 2018 waren am Ende Ärzte und Pflegepersonal zu sehen, die gegen ein Krankenhaussystem demonstrierten und streikten, das nicht mehr menschengerecht ist.

Dokumentarfilm zeigt Alternativen auf

Im gleichen Sinn geht es in „Der marktgerechte Mensch“ im letzten Kapitel um Initiativen und Betriebe, in denen das neoliberale Primat des Einzelkämpfertums ins Gegenteil verkehrt wird. Es geht um eine Bank, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaftet, wir begegnen Beschäftigten von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen wollen. Der Gegenentwurf zur Idee, dass unserer Natur Solidarität fremd ist. Was sowieso nicht stimmt, meint der Entwicklungspsychologe Felix Warneken:

Eine häufige Annahme ist, das wir als Egoisten geboren werden, und dass wir über die Entwicklung umprogrammiert werden müssen vom Egoisten zu jemandem, der kooperativ ist. Aber, was wir eben finden, dass selbst Kleinstkinder schon kooperative Fähigkeiten haben. Dass Kleinkinder sich auch schon sehr früh mit vierzehn, achtzehn Monaten um andere kümmern, wenn sie sehen, dass jemand anders ein Problem hat.

Felix Warneken, Entwicklungspsychologe

Herausragende Doku setzt Kontrapunkt zur Ellbogenmentalität

Das Hohe Lied auf Konkurrenz und Wettbewerb und Selbstoptimierung und Ellbogenmentalität hat ohne Frage inzwischen auch unsere persönlichen Beziehungen erreicht. Diesem dunklen Bild unserer Arbeits- und Lebenswelt setzen Leslie Franke und Herdolor Lorenz am Ende den Kontrapunkt von gemeinschaftlichem und solidarischem Handeln entgegen. Was notwendig ist, um diese herausragende Doku überhaupt aushalten zu können.

aus der Sendung vom Do, 16.1.2020 16:05 Uhr, SWR2 Impuls, SWR2


Bewertung: 5,00 von 5

Im Kino: "Der Marktgerechte Mensch"

Crowdworking drückt die Löhne und Billig-Lohn-Länder unterbieten sich gegenseitig – zum Nachteil der Beschäftigten. Dieser Film ist ein Appell an die Politik, für gerechtere Beschäftigungsverhältnisse zu sorgen.

Von: Roderich Fabian

Als "Der Marktgerechte Mensch" 2019 gedreht wurde, war in Deutschland noch der britische Fahrrad-Lieferdienst „Deliveroo“ am Start. Also sehen wir Fahrer, die als scheinselbständige „Subunternehmer“ damals kaum Arbeitsrechte besaßen und bei einem Unfall ohne Schutz dastanden. Während der Dreharbeiten stellte Deliveroo im vergangenen August den Service in Deutschland ein, angeblich weil dieser Markt nicht lukrativ genug war. Regisseurin Leslie Franke erinnert sich: "Das wusste keiner, dass Deliveroo entscheidet, sich aus Deutschland zurückzuziehen."

 Die Beschäftigten von Deliveroo hätten die Information am Montag bekommen - und am Ende der Woche waren sie ohne Lohn und Brot, erzählt Leslie Franke. "Der Marktgerechte Mensch" wolle genau das zeigen. In Deutschland gäbe es nämlich keine Regelung, die Arbeitsschutz ermögliche, sagt die Regisseurin. Ausländische Firmen könnten einfach herkommen und ihre Programme mit den Leuten durchziehen.

Prekäre Verhältnisse bei H&M

Auch zeigen uns die Autoren Angestellte des Textilhändlers H&M, die vor einer Münchner Filiale gegen die Hire-and-Fire-Politik ihres Arbeitgebers protestieren. Die partielle Beschäftigung auf Stundenbasis macht ein solides Einkommen unmöglich. Im Film bestätigt das eine H&M-Betriebsrätin. 

"Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die durch Hartz 4 aufstocken müssen."

Saskia Stock, H&M Betriebsratsvorsitzende

Das Gehalt, das am Ende des Monats bleibt, reiche oft nicht für das Existenzminimum, sagt Saskia Stock von H&M. „Der marktgerechte Mensch“ zeigt aber nicht nur diverse deregulierte Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland, er geht auch auf die Folgen der Globalisierung für den europäischen Arbeitsmarkt ein.

Autor Herdolor Lorenz erzählt zum Beispiel, dass es auch um die Näherinnen in Osteuropa geht. Die hätten inzwischen nämlich schlechtere Arbeitsbedingungen als in Bangladesh. Selbst dort ziehe sich das Kapital aber wieder zurück, sagt Herdolor Lorenz. Zum Beispiel nach Äthiopien. Dort gäbe es eben noch günstigere Bedingungen, weil die Menschen nur halb so viel verdienen wie in Bangladesh. "In Äthiopien werden jetzt gerade riesige Fabriken aufgebaut für die Textilindustrie. Was in unseren Innenstädten verkauft wird, kommt zum größten Teil schon aus Äthiopien", erzählt der Autor.

"Der Marktgerechte Mensch" behandelt auch das Thema "Crowdworking"

Obendrein gibt`s auch noch einen Exkurs zum "Crowdworking", also einem Thema, das allein schon eine Stunde füllen könnte. Gemeint ist die weltweite Online-Ausschreibung von letztlich mies bezahlten Tätigkeiten, die im Film der amerikanische CEO Lukas Biewald in den höchsten Tönen feiert: "Für jede Aufgabe finden Sie auf der Welt die richtige Person, die mit den besten Fähigkeiten und die mit dem niedrigsten Preis."

Demonstration gegen H&M im Film "Der Marktgerechte Mensch"

"Der Marktgerechte Mensch" möchte möglichst vieles von dem zusammentragen, was faul ist an der modernen Arbeitswelt. Und dabei haben sich die Filmemacher dann vielleicht auch etwas übernommen, aber letztlich geht es Leslie Franke ja auch um das große Ganze.

"Das ist das, was wir versuchen, in diesem Film zu machen: Zu erklären, dass es da einen Zusammenhang gibt, zwischen diesen neuen Arbeitsmodellen des Kapitalismus und der Vereinzelung, der Ent-Solidarisierung", sagt Leslie Franke. Das alles habe Auswirkungen auf den Einzelnen wie auf die Gesellschaft. "Die Leute werden krank."

Nun sag, wie stehst du zu deiner Arbeitswelt?

Natürlich ist es auch eine Generationenfrage, wie man zur deregulierten Arbeitswelt steht. Jüngere Leute haben sich längst an befristete Verträge gewöhnt. Und die Tatsache, dass man im Arbeitsleben nicht an ein einziges Unternehmen gebunden ist, sondern sich „flexibel“ im Arbeitsmarkt bewegt, mag manchen auch entgegenkommen.

Aber die Filmemacher sehen in der allseits zu beobachtenden "Liberalisierung" des Marktes vor allem ein Übel. Leslie Franke und Herdolor Lorenz sind verdiente Aktivisten, die sich Verhältnisse wie in der Zeit vor den Deregulierungswellen der 80er Jahre zurückwünschen. Und tatsächlich gehören ihre Forderungen mal wieder auf die Tagesordnung, zum Beispiel die der EU. Sozialversicherungspflicht, 40 Stunden Arbeitswoche, Unbefristete Verträge. Herdolor Lorenz glaubt: "Wenn solche Dinge einfach mal geregelt werden würden - und das ist ja nichts, was aus der Welt gegriffen ist - würde nicht die Welt zusammenbrechen".


Neuer Dokfilm im Kino, Leben, um zu arbeiten: "Der marktgerechte Mensch"

Fahrradkuriere und Verkäuferinnen, die auf Abruf jobben, Leiharbeiter am Fließband oder Uni-Dozenten, die mit Hartz-IV aufstocken, IT-Dienstleister mit Tagesverträgen, all das ist keine Seltenheit mehr. Zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland haben keinen festen Arbeitsvertrag. Was Kapitalismus in Zeiten der Digitalisierung bedeutet, für sie und für die Gesellschaft, das zeigt eindrucksvoll der Dokumentarfilm "Der marktgerechte Mensch", der jetzt im Kino startet. Andere Perspektive auch!

von Rayk Wieland, MDR KULTUR

"Der marktgerechte Mensch": artour über den Film und im Gespräch mit den Regisseuren

Da ist Lukasz, Fahrradkurier in Berlin. Jeden Tag liefert er sich ein Rennen. Er tritt an gegen sich selbst. Engagiert von der Firma Deliveroo bringt er Essen auf Bestellung. Wie er eingesetzt und bezahlt wird, das bestimmt nicht etwa ein Arbeitsvertrag, sondern seine "Statistik". Mittels eines Algorithmus', der seine Fahrstrecke und den umgesetzten Warenwert verrechnet. Läuft es gut, bekommt er die lukrativen Touren zu den besten Zeiten. Ist er zu langsam oder war krank, macht sich das negativ bemerkbar. So wie nach dem Sturz, der ihm eine Gehirnerschütterung und damit Ausfallzeiten bescherte. Letzten Sommer hat sich Deliveroo aus dem Deutschland-Geschäft zurückgezogen. An einem Montag erhält Lukasz die Nachricht. Am Freitag steht er auf der Straße, heißt es lapidar im Dokumentarfilm "Der marktgerechte Mensch".

Willkommen in der "Gig-Ökonomie"

Willkommen in der schönen neuen Arbeitswelt. In einer Welt, in der man nicht arbeitet, um zu leben, sondern lebt, um zu arbeiten. In einer Welt der massenhaften Vereinzelung. Dafür fand eine Kunstaktion beim G20-Gipfel in Hamburg eindrucksvolle Bilder im Zug der "1.000 Gestalten". Aschgrau von Kopf bis Fuß tauchen sie immer wieder auf in der Dokumentation wie ein Heer der Freelancer und Minijobber: Ermüdet davon, immer am Markt, immer verfügbar zu sein, in einem gnadenlosen Wettbewerb. Die neue "Qualität" des digitalen Kapitalismus, der mit Schlagworten wie "Gig-Ökonomie" und "Crowdworking" von sich reden macht, beschreibt Filmemacher Herlodor Lorenz so:

Regisseur Herdolor Lorenz:

Es ist einfach eine brutalere Form des Kapitalismus, der nicht mehr nur die Arbeitskraft für acht Stunden will, sondern den ganzen Menschen. Der muss immer auf dem Markt sein. Immer fit, immer abrufbereit und flexibel. Und wer nicht liefert, wird ausgetauscht: Der Mensch als marktgerechte Ware.

Konkurrenz statt Kooperation: "Das macht krank und zerstört die Gesellschaft"

Im gern propagierten Homeoffice verschmelzen Arbeit und Privatsphäre vollständig, wie Mit-Regisseurin Leslie Franke schildert:

 Homeoffice wird groß geschrieben. Da kannst du deine Waschmaschine anschalten, die Kinder füttern und gleichzeitig im Internet versuchen, einen Job zu erfüllen. Das stresst die Menschen total, und man hat festgestellt: Das macht krank.

Der Film von Lorenz und Franke zeigt anhand vieler Beispiele, von der Textilbranche bis zum Wissenschaftsbetrieb, was "Arbeit auf Abruf", was Ausbeutung, Unsicherheit und Vereinzelung mit Menschen macht. Die neuen Volkskrankheiten – Depressionen, Ängste, hoher Blutdruck, Rückenschmerzen – interpretieren Forscher wie der Neurologe Gerald Hüther als Symptome der Zerstörung unserer physischen und psychischen Substanz: "In dem Augenblick, wo man erleben muss, dass man in seinem Bedürfnis dazuzugehören und eine Gemeinschaft mit anderen zu bilden, verletzt wird; durch Mobbing, Ausgrenzung oder Ähnliches, oder von anderen zum Objekt gemacht wird, kommt es im Hirn zur Aktivierung der gleichen Netzwerke, die auch anschlagen, wenn wir körperliche Schmerzen haben."

Die ganze Art unseres Zusammenlebens verändert sich gerade stark. Aus dem sozialen Wesen Mensch droht ein Einzelgänger zu werden. Das Internet vernetzt uns mit der ganzen Welt, aber zugleich sind wir immer isolierter. Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, spricht im Film auch von der Einsamkeit als neuer Volkskrankheit: "Nicht umsonst haben die ganzen Partnerbörsen Konjunktur ohne Ende. Die Leute suchen dringend nach Kontakt."

 Sogar die Liebe ist in Zeiten der "Gig-Economy" nicht nur ein Geschäft, sondern eine Art Job. Die Soziologin Eva Illouz beobachtet, dass die Menschen ihre Beziehungen anbahnen "wie eine Bewerbung für eine Stelle". Bekanntlich werde man dabei interviewt, müsse sich von der besten Seite zeigen, dürfe keine Schwächen zeigen: "Dabei geht es in Beziehungen und in der Liebe doch darum, einer anderen Person die eigene Schwäche und Verwundbarkeit zeigen zu können." Das aber wäre die Voraussetzung und Basis von Vertrauen, gibt Illouz zu bedenken.

Fundamentalkritik, aber auch Suche nach neuen Ansätzen          

 Die Dokumentation "Der marktgerechte Mensch" ist Fundamentalkritik und Pamphlet. Zu Wort kommen die Freelancer, Crowdworker und Wissenschaftler. Studien werden herangezogen. Zum Beispiel eine mit Kleinstkindern an der Yale University. Im Experiment hatten sie die Wahl, sich zu entscheiden zwischen einem Kuscheltier, das freundlich ist und hilft, und einem, das nur an sich denkt. Immer entschieden sie sich für das erste. Hirnforscher Gerald Hüther bringt den Drang zur Kooperation so auf den Punkt:

Das Prinzip, das wir im letzten Jahrhundert zu einer Art Ideologie erhoben haben, nämlich dass Wettbewerb die Voraussetzung jeder Weiterentwicklung sei, das gilt eigentlich nur für Tiere. Die müssen warten, bis eine neue Mutation auftritt. Menschen müssen für die von ihnen selbstverursachten Veränderungen Lösungen finden. Die finden sie nicht mit Hilfe von Mutationen, sondern durch Kooperation.

Etwas ist faul im aktuellen Kapitalismus. Das zeigt besonders krass immer wieder der Blick in Textil-Industrie und -Handel. H&M und adidas produzieren seit langem in Billiglohnländern. Näherinnen in Serbien arbeiten für einen Lohn, der ein Fünftel des Mindestlohns beträgt. Wenn das nicht mehr so läuft, gehen die Unternehmen woandershin. Der Film könnte einem allen Mut nehmen, aber er will auch welchen machen. Veränderungen einzufordern, hält Filmemacher Herlodor Lorenz keineswegs für Idealismus, der folgenlos bleiben muss: "Wir sehen, dass die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, die Leute dazu bringen, etwas zu tun", sagt Lorenz und verweist darauf, dass es mittlerweile einen Gesamtbetriebsrat bei Lieferando gibt. Selbst von Google höre man Hacker-Geschichten, wonach auf den Bildschirmen der Mitarbeiter hier und da eine neue Losung auftauche: "Wir haben das Recht, uns zusammenzuschließen." Kein Wunder, findet Leslie Franke, denn die derzeitige, hoch wettbewerbsorientierte Wirtschaft sei "nicht menschenkonform". Ihr Film solle auch zeigen, "dass der Mensch von Geburt an auf Kooperation aus ist!"

 Eine neue Form des Wirtschaftens und des Wettbewerbs müsse her, eine, die auf das Gemeinwohl orientiert ist, sagt Herdolor Lorenz. Es gäbe längst erste Projekte. Auch Gemeinden arbeiteten schon so: Unternehmen, die regional und nachhaltig investierten, erhielten günstigere Kredite. Die Sparda-Bank in München hat eine Direktorin für Nachhaltigkeitsmanagement. Christine Miedl erklärt im Film Es gebe viele Unternehmen, die jeglichen Blick und jedes Gefühl für Ethik und Maß verloren hätten: "Uns geht's mit unserem Engagement wirklich darum, einen Beitrag zu leisten, wieder dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft für die Menschen da ist und nicht umgekehrt." Ob das in der globalen Ökonomie mehr sein kann als die berühmte Alibi-Veranstaltung? Es muss mehr sein, sagt dieser Film, denn so, wie es geht, geht es nicht weiter. Gesucht wird nicht weniger als ein regime change, ein Übergang vom marktgerechten Menschen zum menschengerechten Markt.


https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kultur-am-mittag/audio-neue-doku-der-marktgerechte-mensch-100.html 


Der Mensch als Ware

Die Liberalisierung der Arbeitsmärkte muss sofort gestoppt werden — im Namen der Menschenwürde

von Katrin McClean, Rubikon

Immer mehr Menschen, die heute beschäftigt werden, verkaufen nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern fast ihr ganzes Leben, um einem Wettbewerb standzuhalten, von dem am Ende nur sehr Wenige profitieren. Das muss dringend öffentlich thematisiert werden. Katrin McClean sprach mit den Filmemachern Leslie Franke und Herdolor Lorenz.

Katrin McClean: In Euerm letzten Film „Der marktgerechte Patient“ ging es um die Folgen der Fallpauschale und die Privatisierung von Krankenhäusern, also eines gewinnorientierten Wirtschaftens, dessen Leidtragende in erster Linie das Personal und die Patienten sind. Ihr habt dabei mit Kooperationspartnern wie dem Hamburger Bündnis für mehr Pflegepersonal und dem Verein der demokratischen Ärztinnen und Ärzte zusammengearbeitet. Hat Euer Film etwas bewirkt?

Franke: Auf jeden Fall. Wir sagen immer, dass er in den Blutkreislauf des Gesundheitssystems eingeschossen ist. Der Film wurde von zahlreichen Einrichtungen bestellt, von Krankenhäusern, Arztpraxen bis hin zu staatlichen Stellen. Er ging durch alle Ebenen des Gesundheitssystems und führte dazu, dass die Beteiligten, insbesondere Ärzte, endlich mal über diese Probleme gesprochen haben. Es wurden bundesweit viele Initiativen für mehr Personal im Krankenhaus gestartet. Es gab mehrere Proteste gegen Krankenhausschließungen, wo wir eingeladen wurden, um diese Aktionen zu unterstützen.

Euer neuer Film „Der marktgerechte Mensch“ untersucht die Problematik nun für die gesamte Gesellschaft. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Lorenz: Bis in die 1980er Jahre hatten die Menschen in der BRD zu 70 bis 80 Prozent einen unbefristeten Arbeitsvertrag, der Sozialabgaben einschloss. Außerhalb der Arbeitszeit konnten die meisten Menschen ihre Zeit frei gestalten, ohne sich dabei von Märkten abhängig zu machen. Spätestens seit Ende der 1980er Jahre ist aber die Profitrate gesunken und dann entwickelte sich das, was man heute gemeinhin Neoliberalismus nennt, also dass Menschen sich mit Haut und Haar verkaufen müssen. Es reicht nicht mehr, dass du deine acht oder neun Stunden im Betrieb bist. Nur noch 40 Prozent aller Arbeitsverhältnisse sind unbefristet. Der Rest muss zusehen, dass er sich möglichst rund um die Uhr verkauft. Geringverdiener und Solo-Selbstständige haben dabei in der Regel keinerlei soziale Absicherung und müssen Beiträge zu Kranken- und Rentenkasse selbst erwirtschaften. Befristet Angestellte leben in ständiger Unsicherheit. Aber auch die Festangestellten sind wachsendem Druck ausgesetzt, der dazu führt, dass sie sich weit über die Arbeitszeit hinaus für den Betrieb engagieren.

Franke: Das Problem ist, kurz gesagt, dass Unternehmen nicht mehr Menschen engagieren und ihnen ein Tätigkeitsfeld zuordnen, sondern dass man abgeschlossene Jobs nach dem Prinzip Hire and Fire im Rahmen kurzfristiger Mitarbeit und oft ohne Sozialabgaben vergibt. Bedürfnisse außerhalb dieses Arbeitsverhältnisses spielen keinerlei Rolle, und das greift in immer stärkerem Maße die Würde des Menschen an. Der Arbeitgeber verschiebt das unternehmerische Risiko so weit wie möglich auf den Arbeitnehmer und hält sich aus allem raus.

Die sinkende Profitrate hat ja auch dazu geführt, dass zahlreiche Arbeitsvorgänge in Billiglohnländer outgesourct wurden, was dort bekanntlich schon vor Jahrzehnten zu katastrophalen Arbeitsbedingungen geführt hat. Zeigt Euer Film also, dass sich diese Verhältnisse immer mehr auch in den Industrieländern selbst etablieren?

Franke: Ja, die Freiheit der Investoren ist da grenzenlos. Nobelmarken wie Boss oder Armani lassen in osteuropäischen Ländern ihre Produkte von Menschen fertigen, die sieben Tage in der Woche zu einem Niedriglohn arbeiten, der nicht einmal Existenz sichernd ist. Sie dürfen nicht einmal auf die Toilette gehen und müssen Windeln anziehen! Sie nehmen abends Schlaftabletten und morgens Aufputschmittel, um überhaupt durchzuhalten. Und wenn sie krank werden, treffen sie auf Ärzte, denen man unter der Androhung von Entlassung verboten hat, sie krank zu schreiben. Die Bildung von Gewerkschaften wird überall behindert und sanktioniert. Als wir das dokumentiert haben, war ich persönlich zutiefst betroffen. Das geschieht in unseren Nachbarländern mitten in Europa und die Investoren bekommen von den Regierungen auch noch Millionen an Subventionsgeldern geschenkt.

Dabei behaupten Investoren doch oft, dass sie nur finanzieren und gar nicht wissen können, was genau läuft.

Lorenz: Das stimmt aber nicht. Es gibt ja einen globalen Wettbewerb um die besten Bedingungen für Investoren. Wir nennen das den Wettlauf zum Abgrund, den „race to the bottom“. „Beste“ Bedingungen heißt hier niedrigste Löhne, entgrenzte Arbeitszeiten, keine Sozial- und Umweltstandards. Natürlich wissen Investoren das. Deshalb haben sie sich ja aus China zurückgezogen, weil man dort einen Mindestlohn von sieben, acht Euro erkämpft hat. Jetzt gehen sie nach Äthiopien. Die Arbeiter verdienen dort 27 Dollar im Monat, das ist die Hälfte des Lohnniveaus von Bangladesh!

Franke: Äthiopien, das ja ein traditioneller Agrarstaat ist, hatte auf die Industrialisierung des Landes gesetzt und sich deshalb als Industriestandort bei Investoren beworben. Aber momentan ist es so, dass die vor allem sehr jungen Menschen, die in den Fabriken arbeiten, von ihren Familien unterstützt werden müssen, um überhaupt überleben zu können.

Lorenz: Als die Regierung ankündigte, einen Mindestlohn einzuführen, bekam sie sofort Drohungen, dass man die Betriebe dann wieder abbauen würde.

Das Schlimme ist, man findet immer noch einen Ort auf der Welt, wo es noch schlechtere Arbeitsbedingungen gibt. Und da geht das Kapital dann hin.

Äthiopien bietet diesen Betrieben sogar Steuerfreiheit für die nächsten 15 Jahre und schenkt ihnen den Strom.

Heißt das also, in den Industrieländern, werden nur noch die Arbeiten vergeben, die man nicht in andere Länder outsourcen kann, und auch bei denen ringt man im „race to the bottom“ um die billigsten Beschäftigungsverhältnisse?

Franke: Selbst hier wird noch outgesourct, was irgendwie geht, um von den niedrigen Lohnniveaus im Ausland zu profitieren.

Lorenz: Der ganze Lastkraftwagenverkehr in Deutschland wird zu 90 Prozent von osteuropäischen Fahrern bestritten, die nach dem Lohnniveau in ihren Heimatländern bezahlt werden, zu erdrückenden Arbeitsbedingungen. Dabei sind die Auftraggeber deutsche Unternehmen mit Staatsbeteiligung. Also zum Beispiel Schenker oder DHL. Und das obwohl es ein Gesetz gibt, dass Fahrer, wenn sie über längere Zeit hier arbeiten, auch den deutschen Mindestlohn bekommen müssen, aber das wird einfach nicht kontrolliert.

Was ist auf Seiten der Politik passiert, dass so etwas möglich wurde?

Franke: Unter Helmut Kohl wurden in den 1990er Jahren gesetzliche Änderungen eingeführt, die es den Unternehmern erleichterten, Arbeit auf Abruf anzubieten. Um die Jahrtausendwende hat Schröder das dann mit seiner neoliberalen Agenda 2010 auf die Spitze getrieben. Gesetze zu Arbeitsschutz, Arbeitszeit und so weiter wurden total gelockert. Zum Beispiel konnte man plötzlich Arbeitsverträge grundlos befristen, das war vorher nicht möglich. Oder 420-Euro-Jobs konnte man früher nicht so einfach vergeben. Heute sind fast 20 Prozent der Arbeitnehmer geringfügig beschäftigt.

Lorenz: Hinzu kommt, dass sich solche Arbeitsverhältnisse aus dem klassischen Bereich des Niedriglohnsektors auf Ebenen mit höchstem Bildungsniveau ausgebreitet haben. Auch Wissenschaftler und hoch ausgebildete Fachkräfte werden oft nur noch über kürzeste Zeiträume beschäftigt und generell versucht man, aus allen das Letzte herauszuholen. Und wer nicht mehr gebraucht wird, kann gehen, egal wie sehr er oder sie sich vorher für seine Arbeit eingesetzt hat.

Franke: Es ist einfach so: An der Hardware, also am Einsatz von Technik kannst du nicht einsparen. Der Zwang, immer und überall Personalkosten zu sparen, zieht sich durch alle Bereiche der Gesellschaft und auch durch alle Beschäftigungsmodelle. Der Druck nimmt für alle Arbeitnehmer zu.

Welche Folgen hat das für die Arbeitnehmer?

Franke: Es gibt bereits verschiedene Statistiken, die belegen, dass stressbedingte Erkrankungen immer häufiger auftreten, also zum Beispiel Bluthochdruck, kardiologische Probleme oder Rückenschmerzen. Aber die Leute lassen sich deshalb nicht häufiger krankschreiben, im Gegenteil.

Eine weitere gravierende Folge ist die Atomisierung der Gesellschaft, also die wachsende Vereinzelung. Die Beteiligung des Einzelnen am sozialen Leben geht rapide zurück. Menschen gründen keine Familien mehr, engagieren sich nicht mehr in Vereinen. Sie sind zu sehr mit ihrer eigenen Optimierung für den Arbeitsmarkt beschäftigt, was aber dazu führt, dass das soziale Bindegewebe unserer Gesellschaft zerreißt.

Menschen in sozialer Isolation werden häufiger krank und sterben früher.

Lorenz: Einsamkeit ist inzwischen ein ebenso großes Gesundheitsrisiko wie Rauchen oder Alkoholismus.

Franke: Da müsste der Staat eigentlich aktiv werden und soziale Netzwerke unterstützen.

Andererseits sind einsame Menschen ja vielleicht einfacher lenkbar, weil der Arbeitsplatz der einzige Ort ist, wo überhaupt noch sozialer Austausch stattfindet.

Lorenz: Aber genau das geht ja auch zurück. Etwa bei manchen Formen der Gig-Ökonomie, wo Menschen nur noch mit Algorithmen zu tun haben und völlig auf sich selbst zurückgeworfen sind.

Wie sieht das konkret aus?

Franke: Du wirst, wie es früher nur bei Musikern üblich war, nur für einen „Gig“ also einen einzelnen Job auf Honorarbasis beschäftigt und das läuft komplett digitalisiert ab. Also zum Beispiel bei den Fahrradboten von Deliveroo, da loggst du dich ins System ein und meldest an, dass du arbeitsbereit bist. Ein Algorithmus berechnet, ob du als Auftragnehmer infrage kommst. In diesen Algorithmus wiederum werden deine Bewertungen eingespeist, die du bisher bekommen hast. Wer fünf Sterne hat, bekommt die meisten Jobs, mit drei Sternen sieht es schon schlecht aus. Das gilt auch für das Crowdworking.

Das wie funktioniert?

Franke: Da bietest du deine Dienste etwa als Texter oder Programmierer an und bist erfolgreich, wenn du die Angebote deiner Konkurrenten unterbietest. Solche Crowdworker müssen zum Teil einer Überwachung –etwa über Skype — zustimmen, um ihre Leistungen evaluieren zu lassen. Und auch hier unterliegen alle einer Bewertung, von der abhängig ist, welche Jobangebote überhaupt bei ihnen angezeigt werden. Dabei stehst du bei vielen Jobs mit Millionen von Anbietern weltweit in Konkurrenz.

Das heißt, ich könnte jetzt nach Bangladesh ziehen, wo das Leben für mich sehr günstig wäre, und von dort aus Texter-Jobs in Deutschland zu enorm niedrigen Preisen anbieten, die sich für mich aber rechnen würden.

Franke: Genau das wird gemacht und dann als unsere große Freiheit bezeichnet. Oder es wird immer wieder die freie Gestaltung der Arbeitszeiten betont, während das völlige Fehlen von Sozialabgaben nie Thema ist.

Lorenz: Bei uns entwickelt sich ein Phänomen, das man früher nur aus den USA kannte, dass Menschen zum Teil vier bis fünf Jobs haben, um zu überleben, und einer davon ist dann eben Crowdworking.

Das heißt, Millionen Menschen stehen für bestimmte Aufgaben an ihrem privaten Schreibtisch auf Abruf zur Verfügung, ohne dass man ihnen einen Arbeitsplatz einrichten oder sich in irgendeiner Weise um sie kümmern muss.

Franke: Und für all das gibt es keinerlei gesetzliche Regelungen. Während die prekären Beschäftigungsverhältnisse im digitalisierten Raum boomen, hinkt der Gesetzgeber vollkommen hinterher. Zumal das Ganze ja globalisiert ist und deshalb völlig unklar, wie man da überhaupt noch mit Gesetzen reagieren kann.

Ihr erwähnt immer wieder den Druck durch die ständigen Bewertungen der geleisteten Einzeljobs. Was ist der Unterschied zwischen solchen Bewertungen und bisherigen Qualitätsprüfungen oder Evaluierungen?

Franke: Der Mensch wird überhaupt nicht mehr als eigenständiges Wesen gesehen, etwa welche Voraussetzungen er mitbringt oder unter welchen Umständen er arbeitet.

Lorenz: Die meisten Bewertungen entstehen digital nach Kriterien, wie schnell und wie preiswert etwas geleistet wird. Dabei hat der Beschäftigte keine Möglichkeit, selbst Informationen zu übermitteln. Ein Fahrradkurier kann zum Beispiel nicht melden, dass er im Stau steht oder einen Unfall hatte. Solche Unternehmen haben gar keine Angestellten mehr, mit denen die Beschäftigten kommunizieren könnten. Die Konsequenz des Ganzen ist, jede Kurierfahrt ist gleichzeitig ein Wettrennen um den nächsten Job.

Wobei rasende Fahrradkuriere ja schon zu einer Gefahr für den öffentlichen Verkehr werden.

Franke: Das Schlimme ist dabei, dass die Mitarbeiter untereinander in einem erbitterten Wettkampf stehen. Jeder ist der Konkurrent des anderen. Der Schweizer Soziologe Simon Schaupp sagt, dass diese Atomisierung der Menschen gewollt ist, damit „die sich nicht so lästig zusammentun“.

Der Mensch ist unter diesen Marktgesetzen also wie eine Ware, die sich unter hohem Konkurrenzdruck permanent selbst verkaufen muss. Habt Ihr das gemeint, als Ihr eingangs davon gesprochen habt, dass sich der Markt bis ins Private ausbreitet?

Lorenz: Die Soziologin Eva Illouz hat in ihren Untersuchungen gezeigt, wie sich dieser ständige Konkurrenzdruck auf die Beziehungsfähigkeit der Menschen auswirkt, und ist zu erschreckenden Ergebnissen gekommen. Etwa, dass jemand, der eine Beziehung aufnehmen will, sich benimmt wie jemand, der sich gerade um einen Job bewirbt. Verletzlichkeiten werden nicht gezeigt. Aber der offene Umgang mit Schwächen ist ja eine Voraussetzung dafür, dass Liebe und Vertrauen entstehen können.

Franke: Die Unsicherheit, die Menschen heute in ihren Arbeitsverhältnissen erleben, führt auch im Privaten zu Unsicherheiten. Du bist ja ständig infrage gestellt und dadurch kaum noch in der Lage, dich in Ruhe mit deinem Partner auseinanderzusetzen, ohne dass du das gleich wieder als Druck erlebst.

Lorenz: Dafür entwickelt sich die private Beziehung immer mehr selbst zu einem Markt, etwa auf Dating-Portalen oder Angeboten für Singles.

Das heißt also, der Mensch entwickelt sich aufgrund seiner Arbeits- und Lebensverhältnisse immer mehr zur Beziehungsunfähigkeit und wird dadurch zum Konsumenten für den Beziehungsmarkt, was am Ende zur Vermarktung des gesamten Lebens führt.

Lorenz: Genau, und so wie Digitalisierung neue kurzfristige Bindungen schafft, verhindert sie die Entstehung stabiler Beziehungen. Sich auf einen anderen Menschen einzulassen, ohne parallel digital zu kommunizieren, findet immer weniger statt. Sei es, weil man beruflich nonstop erreichbar sein muss oder weil man sich schon so daran gewöhnt hat.
Franke: Wenn Kinder kaum noch erleben, dass ihre Eltern sie ansehen, weil die ständig auf ihr Handy gucken, entwickeln sich gravierende Bindungsschäden.

Das klingt nach düsteren Zukunftsaussichten. Aber Ihr wollt mit Euren Filmen ja auch Mut machen und werbt für das Prinzip der Gemeinwohlökonomie.

Franke: Genau. Es gibt inzwischen über 2000 Unternehmen, die sich den Prinzipien der Gemeinwohlökonomie unterordnen, also soziale und nachhaltige Kriterien in ihre Bilanzen einbeziehen und sich zu entsprechenden Standards verpflichten, Tendenz steigend. Man behauptet ja, dass nichts Gutes im Falschen entstehen kann. Aber inzwischen gibt es sogar mehrere Gemeinwohl-orientierte Gemeinden, und das ist toll. Wenn ein Bürgermeister von der Idee überzeugt ist, kann er auch durchsetzen, dass er nur Unternehmen in seiner Gemeinde zulässt, die sich nach Gemeinwohl-Kriterien zertifizieren lassen, also auch was die Arbeitsbedingungen betrifft. Das hält den Betrieb und die Menschen am Ort.

Das heißt, Lösungen sind vor allem auf lokaler, regionaler Ebene möglich?

Lorenz: Zum einen ja, zum anderen brauchen wir eine Ausbreitung dieser Idee, und das ist nur durch Vernetzung möglich oder durch gemeinsame Lösungen. Etwa, wenn eine Bank Unternehmen für das Gemeinwohlzertifikat mit günstigen Krediten belohnt. Vor allem ist es etwas, was man heute schon machen kann, ohne auf eine Revolution zu warten.

Mit der sieht es wohl eher schlecht aus, denn nach Euren Schilderungen ist ja schon der klassische Streik in weite Ferne gerückt.

Franke: Das Wichtigste ist: Die Leute müssen sich organisieren. Und es gibt ja schon Widerstand. Da, wo du politisch gute Leute hast, schließen sich die Betroffenen zusammen. So arbeiten die ehemaligen Foodora-FahrerInnen in Münster, die jetzt bei Lieferando sind, an der Gründung eines Betriebsrates. Wir brauchen auf jeden Fall eine Bewegung von unten, die sich der ganzen Problematik bewusst ist. Am Ende unseres Films zeigen wir die Jugendlichen von „Ende Gelände“, die ausdrücklich für die Überwindung der jetzigen gesellschaftlichen Verhältnisse eintreten. Denen ist bewusst, dass sie das direkte Kommunizieren erst wieder trainieren müssen. Sie machen extra Veranstaltungen, in denen sie üben, offen und fair miteinander zu reden.

Lorenz: Sie fordern nicht nur ein neues Gesellschaftsmodell sondern versuchen gleichzeitig, es selbst zu leben.

Ihr selbst gebt anderen Menschen ja auch die Möglichkeit, aktiv und damit auch Teil einer Gemeinschaft zu werden. Kernfilm ist ein Projekt, das vor allem durch Crowdfunding und aktive Beteiligung realisiert wird.

Lorenz: Genau, man hat verschiedene Möglichkeiten, vom Kauf einer DVD oder einer Spende bis hin zur Organisation einer eigenen Veranstaltung. Schon jetzt sind viele Vorführungen ab dem 16. Januar 2020 überall in Deutschland geplant. Aber es können gern noch sehr viel mehr werden.


Die unsichtbare Grenze des Sagbaren
Von der Freiheit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und anderen Illusionen   (https://www.nachdenkseiten.de/?p=57467)

Wenn man sich Dokumentationen in den öffentlich-rechtlichen Medien anschaut, findet man immer wieder kritische Berichte. Diese werden zwar meist erst nach 22.00 Uhr und später ausgestrahlt, es macht aber den Eindruck, dass die Journalisten das jeweilige Thema fundiert hinterfragen. Nur: Wie kritisch sind diese Reportagen? Wird wirklich umfassend recherchiert, werden Probleme und deren Ursachen bis an die Wurzel analysiert oder gibt es da Grenzen, ab denen bestimmte Themen nicht mehr angesprochen werden sollten? Die Erfahrungen von Herdolor Lorenz und Leslie Franke zeigen, dass es diese Grenzen definitiv gibt. Werden Bereiche adressiert, die den politisch Mächtigen im Land nicht genehm sind, ist es aus mit der bis dato guten Auftragslage.

Was bleibt, um den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, ist, sich auf eigene Füße zu stellen. Das ist kein Phänomen, das erst in den letzten Jahren aufgekommen ist. Spricht man mit Herdolor Lorenz und Leslie Franke, sieht man, dass das schon länger der Fall ist. „Filme von unten“ – das war die Antwort der beiden Dokumentarfilmer, die 25 Jahre für das öffentlich-rechtliche Fernsehen tätig waren. Andrea Drescher hatte die Gelegenheit, für die NachDenkSeiten mit den beiden Filmemachern zu sprechen, deren neuester Film „Der marktgerechte Mensch“ am 16.1.2020 an den Start geht.

Erzählt doch bitte kurz von Euch – wie wird man Filmemacher?

Leslie: Nach meinem Staatsexamen in Geschichte und Russisch ging ich mit einem DAAD-Stipendium 1987 während der Perestroika-Zeit an die Filmhochschule nach Moskau. Als Studentin war ich politisch sehr engagiert, fand es spannend, die Sowjet-Union im Umbruch kennenzulernen und konnte mich dort sehr gut vernetzen. Vorher hatte ich bereits gemeinsam mit Herdolor erste Filme für die Gewerkschaft gemacht.

Herdolor: Ich habe bereits während meines Studiums der Politik, Geschichte, Philosophie, Geschichte und Germanistik erste Videos gedreht. Bildungs- und Gewerkschaftsarbeit lagen mir als ASTA-Vorsitzender in Marburg sehr am Herzen. Unser erster Film 1985 drehte sich um arbeitslose Menschen. Als Leslie dann nach Moskau ging, kam es zu unserem ersten Fernsehfilm „Tanja“, ein Film über eine sowjetische Frau. Gemeinsam mit Leslie entstand dann jedes Jahr zumindest ein Film, der auch vom Fernsehen finanziert wurde.

Ihr habt lange Zeit aus Russland berichtet, gab es da Probleme bei deutschen TV-Sendern?

Leslie: Nein – eigentlich nie. Wir haben als freie Autoren viele Filme über die Sowjetunion und die postsowjetische Zeit gemacht, es gab nie Probleme, unsere Sachen unterzubringen, kritische Berichterstattung aus Russland war völlig ok. Man konnte so kritisch sein, wie man wollte, es wurde nie beanstandet.

Wovon handelten Eure Filme aus der Zeit?

Leslie: Wir haben immer sehr nah am Menschen gearbeitet und wollten die gesellschaftlichen Veränderungen in der Umbruchszeit zeigen. Wir waren hauptsächlich in Fabriken unterwegs z.B. in einem großen Stahlkombinat, in einer Motorradfabrik in Minsk oder im Baltikum, wo Transporter herstellt wurden und haben versucht, die Hoffnung der ArbeiterInnen, zu dokumentieren. So war es den Arbeitern eine Zeit lang möglich, die Direktoren selbst zu wählen.

Herdolor: Die Jahre 1987 bis 1989 waren wirklich eine sehr hoffnungsvolle Phase – man erwartete sich Kooperation mit dem Westen, aber es zeigte sich schnell, dass das sehr schwierig war. Und dann kam die ruppige Zeit, in der nichts mehr so war wie vorher. Als die Sowjetunion auseinanderfiel, brach auch das wirtschaftliche Netzwerk der Sowjet-Republiken zusammen. Die Wirtschaft lag am Boden. Wir haben in unseren Dokumentationen gezeigt, wie die Menschen damit umgingen. 1995 verlagerten wir unseren filmischen Schwerpunkt wieder nach Deutschland. Da begannen dann unsere Probleme.

Was für Probleme hattet Ihr?

Herdolor: Wie ich es bereits an anderer Stelle einmal gesagt habe: Kritik an anderen Ländern ist im deutschen Fernsehen immer erwünscht, aber wehe, du bist im eigenen Land kritisch. Da wird es wirtschaftlich gefährlich, denn dann kommt etwas, was man schon als Zensur bezeichnen muss.

Könntet Ihr das konkretisieren?

Leslie: Aufgrund des Jugoslawienkrieges waren in den 90er Jahren viele Menschen von Bosnien nach Deutschland geflohen. Die wollte man aber nicht im Land haben, die wollte man schnellstmöglich loswerden. Unsere erste Dokumentation über den Umgang mit den Flüchtlingen passte da nicht wirklich in das gewünschte Schema. Unsere Redakteurin ließ uns völlig freie Hand und wir zeigten, was den Menschen alles so passiert war. Man erfuhr von ihrer Lebenssituation in Bosnien und sah dann, wie es in Deutschland – also bei uns in Hamburg – zuging. Qualifizierte, moderne Menschen wurden gerne als „Putzen“ missbraucht, wurden von oben herab wie Idioten behandelt, obwohl eigentlich nur die Sprache fehlte. Auch serbische Flüchtlinge kamen zu Wort – und zwar als Menschen und nicht als Feind.

Herdolor: Die 45 Minuten wurden zwar von der Redaktion abgenommen und um 20.15, also zur besten Sendezeit, ausgestrahlt – aber dann kam ein Anruf vom NDR. Ein Vertreter des Intendanten teilte uns mit, dass „dies unsere letzte Sendung für den NDR gewesen sei. Wir hätten die Flüchtlinge viel zu positiv dargestellt, nicht darüber berichtet, dass diese ja nur an der D-Mark interessiert seien und auch keine Deutschen zu Wort kommen lassen. Das ginge garnicht.“ Das war der Anfang vom Ende. Es dauerte fast 10 Jahre, bis wir wieder etwas für den NDR machen durften. Und das war dann das wirkliche Ende.

Gab es Aufträge seitens anderer Sender?

Herdolor: Anfangs ja. Wir haben zunächst für den WDR, dann für ARTE gearbeitet. Im Auftrag des WDR entstand unsere erste preisgekrönte Langzeitdokumentation „Mein Herz zerreißt“. In dieser Langzeitdokumentation haben wir auch hier Menschen, Flüchtlinge begleitet. Menschen, die kein Asyl bekamen, aber aufgrund ihrer persönlichen Situation nicht wussten, wohin. Wo sollte ein Serbe, der mit einer Kroatin verheiratet ist, hingehen, wenn sie in Deutschland nicht willkommen sind?

Leslie: Die beiden haben sechs Jahre in Schwerin gearbeitet und waren – ebenso wie ihre Kinder – gut integriert. Alle sprachen fließend Deutsch, erhielten aber keine Aufenthaltsverlängerung. Sie war in Bosnien als Chefärztin tätig, durfte bei uns nur in der Altenpflege arbeiten. Da eine Rückkehr „nach Hause“ nicht möglich war, haben sie beschlossen, in die USA auszuwandern. Dort haben wir die Familie dann 10 Tage mit der Kamera begleitet. Der Film wurde zwar im WDR gezeigt, stieß aber auf keine große Gegenliebe, obwohl er ausgezeichnet wurde. Danach waren wir zunächst nur noch für ARTE tätig, bis dann unser letzter Auftrag vom NDR kam.

10 Jahre später?

Leslie: Ja. Ein mutiger Redakteur, der kurz vor der Pensionierung stand, wagte sich, mit uns zusammenzuarbeiten. Es entstand der Film „Wasser unter dem Hammer“, der sich mit der Privatisierung der Wasserversorgung beschäftigte. Neben den Hamburger Stadtwerken, die kommunal waren und es auch noch sind , wurden die Folgen der Privatisierung in England, wo man unter Thatcher Vorreiter der Privatisierung war, mit Ergebnissen in Deutschland wie z.B. Berlin verglichen. Die Berliner Wasserversorger waren ja bis 2013 zu 49% in den privaten Händen von RWE und dem internationalen Wasserriesen Veolia. Also eine sogenannte Öffentlich Private Partnerschaft, kurz ÖPP. Die Ergebnisse dieses Vergleichs waren aber nicht gewollt.

Was heißt denn „nicht gewollt“?

Herdolor: Der Film wurde das erste Mal im NDR um 22.30 Uhr gesendet. Aufgrund der enorm positiven Rückmeldungen sollte er um 20.15 Uhr wiederholt werden. Eine ausführliche NDR-Webseite wurde extra dazu aufgesetzt – und dann wurde er von einer Sekunde auf die nächste abgesetzt. Wir erfuhren vom Redakteur, dass Veolia beim Intendanten interveniert hatte und behauptet hätte, dass darin enthaltene Aussagen falsch seien. Markus Schreiber, damals Assistent der Geschäftsleitung beim NDR, wurde aktiv und warf uns vor, wir hätten nicht seriös recherchiert. In einer Besprechung mit Vertretern des Investors Veolia sowie dem technischen Direktor der Berliner Wasserwerke wurden von diesem jedoch alle monierten Punkte als korrekt bestätigt. Markus Schreiber übernahm aber die Argumentation der Investoren und setzte den Film ab. Unser mutiger Redakteur wurde kurzfristig in Pension geschickt, der Leiter der Redaktion durfte zwei Jahre nichts mehr für den NDR machen. Das war dann nicht nur unser endgültiges Aus beim NDR, sondern auch bei allen anderen Redaktionen in der ARD.

Wieso das?

Herdolor: Auf einmal wussten alle in den Redaktionen, dass wir aufgrund unseres letzten Filmes beim NDR gesperrt worden waren. Jeder kannte uns. Wir waren das „heiße Eisen“, das keiner mehr anfassen wollte. Das war wirklich für uns einschneidend. Als wir Ende der 90er erstmals vom NDR gesperrt worden waren, bot sich der WDR für die weitere Zusammenarbeit an. 2005 gab es keine Alternativen mehr. Wir hatten in der Redaktion einen Film über die Privatisierung der Bahn in Vorbereitung, die Filmförderung war dafür bereits zugesagt – das wurde alles gekippt. Fast kein Sender war mehr bereit, mit uns an den Folgeprojekten zu arbeiten.

So entstand dann „Film von unten“?

Leslie: Genau. Wir haben Crowdfunding 2005 für uns erst erfinden müssen. „Film von unten“ wird von denen finanziert, die die Filme sehen und zeigen wollen. Jeder, der 20 Euro beisteuert, hat das Recht, den Film öffentlich nichtkommerziell aufzuführen. Filme zu produzieren, dauert jetzt natürlich länger, wir benötigen gut ein Jahr mehr Vorlauf, um die vollständige Finanzierung auf die Beine zu stellen.

Aber der Multiplikationseffekt darf nicht unterschätzt werden. Die Menschen, die den Film finanzieren, haben ein echtes Interesse, dass möglichst viele ihn auch zu sehen bekommen. Die Spender fühlen sich mitverantwortlich, den Film „auf die Straße“ zu bringen. Er wird nicht nur in Kinos, sondern in Schulen, Universitäten, Kneipen oder Pfarren aufgeführt, erreicht ein ganz anderes Publikum und kann damit auch etwas bewirken. Filme wie „Wer Rettet Wen?“ „Water Makes Money“ und „Bahn unterm Hammer“ haben gezeigt, wie mit Aufklärung und Mobilisierung Einfluss genommen werden kann.

Bei Water Makes Money war auch ARTE mit im Boot?

Herdolor: Ja. Bis 2010 haben wir noch mit ARTE zusammengearbeitet, wobei sie in diesen Film erst kurz vor Fertigstellung eingestiegen sind. Das Thema Privatisierung der kommunalen Wasserversorgung haben wir ja schon rund 10 Jahre verfolgt – WATER MAKES MONEY wurde dann von der Hamburger Filmförderung, verschiedenen Stiftungen wie RLS und „Menschenwürde und Arbeitswelt“ mitfinanziert. Den Löwenanteil brachte aber die Crowd zusammen. Allerdings war die Unterstützung von ARTE extrem wichtig, als Veolia, einer der im Film kritisierten Konzerne, in Frankreich Anklage erhob. ARTE und die Crowd – die mediale Verbreitung – haben uns geschützt.

Leslie: Der Prozess verlief hervorragend, die wichtigsten Protagonisten haben als Zeugen ausgesagt und wir dürfen weiterhin das, „was korrupt ist, auch als korrupt bezeichnen“. Nur eine Bemerkung des Hauptprotagonisten musste aus der französischen Fassung entfernt werden. Insgesamt ein großer Sieg, den wir der Riesenöffentlichkeit und der Solidarität unserer Crowd in Frankreich und Deutschland verdanken. Der Film hatte auch großen politischen Erfolg: In Frankreich wurde die Wasserversorgung in vielen Städten und Gemeinden auf den Weg zur Rekommunalisierung gebracht. Auch in Italien nahm er Einfluss auf die Gesetzgebung, ein Gesetz zur Privatisierung konnte gekippt werden, und in Berlin beeinflusste der Film den Volksentscheid zur Rekommunalisierung der kommunalen Wasserversorgung. Was dann kam, war für uns aber weniger positiv.

Welche Folgen gab es denn?

Herdolor: Zum einen war ARTE, obwohl sie die ganze Zeit der Auseinandersetzungen hinter uns standen, nicht länger an der Zusammenarbeit interessiert – wir kamen jetzt bei keinem Sender mehr mit unseren Filmvorschlägen durch. Zum anderen kam der Angriff auf unser Studio.

Was für ein Angriff?

Herdolor: Drei Tage nach dem Prozess wurde unser Studio gehackt. Alle Rechner wurden von außen gekapert, unsere Archive zerstört. Es war eine professionelle Zerstörung sämtlicher Studiosysteme, alles musste neu aufgesetzt werden und wir hatten keine ausreichenden Backups. Eine echte Katastrophe für unsere Arbeit. Die Polizei hat es dem LKA übergeben, aber die Täter konnten nie identifiziert werden. Das war natürlich reiner Zufall; ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber Ihr habt trotzdem weitergemacht?

Herdolor: Natürlich. Jetzt gerade! Und mit Filmförderung und Crowdfunding kamen wir ja eigentlich gut durch – wobei es bei der Filmförderung auch schon Probleme gab.

Inwiefern?

Leslie: Als wir unseren neuen Film, „Der marktgerechte Mensch“ 2016 vorschlugen, gab es quasi gleichlautende Antworten von ARTE und der Filmförderung Hamburg. „Sie machen nur Agitprop“. Es ist schon richtig, wir vertreten in unseren Filmen eine klare Meinung, benennen Ursachen und analysieren die Hintergründe. Wir machen die Filme so, wie wir sie für richtig halten, lassen uns nicht zensieren. Wir stehen allerdings sicher nicht für Agitation und Propaganda, sondern recherchieren sorgfältig und arbeiten mit Fakten, die manchem allerdings unangenehm sind. Aber die Zensur hat auch Lücken, gottseidank.

Welche Lücken gibt es denn?

Herdolor: Die Zensur ist nicht perfekt. Wir bekamen den Tipp, dass es sich für uns nicht lohnen würde, nochmals in Hamburg einzureichen, dass wir aber bei der Bundesfilmförderung eine Chance hätten. Und das hat auch geklappt. Ein Drittel der Finanzierung wurde gefördert. Und dann gibt es noch unsere mutigen Kollegen in den Redaktionen, die man nicht vergessen darf.

Leslie: Die Filme kommen nicht ins Fernsehen. Aber die Kulturjournale machen uns zum Thema. Es gibt Interesse seitens kritisch eingestellter Kollegen in den Redaktionen, im Hamburger Kulturjournal, Kulturzeit oder WDR Westart. Es werden immer lange Interviews geführt und gesendet. Es gibt kritische und mutige Menschen in den Redaktionen, die im beschränkten Rahmen noch arbeiten dürfen. Sie kämpfen, und wenn sie zu intensiv kämpfen, sind sie ihren Job los. Aber sie setzen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv für die Aufklärung ein und unterstützen damit unsere Ziele.

Welche Ziele sind das?

Herdolor: Wir wollen mit unseren Filmen aufklären. Wer nicht Bescheid weiß, kann sich nicht wehren. Widerstand muss von unten kommen – und der kommt nur auf, wenn die Menschen wissen, worum es geht.

Leslie: Mit „Der marktgerechte Mensch“ wollen wir ein Bewusstsein für die Zusammenhänge von neuen kapitalistischen Arbeitsmodellen auf der einen Seite und den Konsequenzen wie Ausbeutung, Entsolidarisierung, Vereinsamung, der Zunahme von psychischen Krankheiten schaffen. Also welche Auswirkungen hat der herrschende Neoliberalismus auf den einzelnen Menschen und wie verändert das die Gesellschaft? Damit setzen wir Impulse, die die Menschen zum Nachdenken und dann ins Handeln bringen können.

Wann und wo kommt der Film denn in die Öffentlichkeit?

Premiere und bundesweiter Kinostart ist der 16.1.2020 – sämtliche Aufführungen an diesem Tag kann man unter finden.

Dann Toi Toi Toi für Eure Premiere!

Kasten:
Zum Film – Der marktgerechte Mensch

Die Filmemacher gehen an die Arbeitsplätze der neuen Modelle des Kapitalismus wie der Gig-Economy, der Arbeit auf Abruf. Sie treffen auf Menschen in bisher sicher geglaubten Arbeitsstrukturen an Universitäten oder in langjährigen Arbeitsverhältnissen mittlerer und oberer Leitungspositionen. Und beobachten, wie sich die Verschärfung des Wettbewerbs immer stärker auf den Einzelnen verlagert – was Solidarisierung und tragbaren sozialen Beziehungen nur sehr schwer Raum lässt. Depression und Burnout machen Menschen, die an dieser Last und Unsicherheit zerbrechen, das Leben zur Hölle. Selbst dann noch glauben viele, an ihrem Schicksal selbst schuld und ein Einzelfall zu sein. Doch dieser Wahnsinn ist nicht alternativlos. Der Film stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Beschäftigte von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen und die Kraft der Solidarität von jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten. „Der marktgerechte Mensch“ ist ein Film, der die Situation hinterfragt und Mut machen will, sich einzumischen und zusammenzuschließen. Denn ein anderes Leben ist möglich.
Quelle und weitere Informationen

 


Hamburger Film über Ausbeutung

Moderne Menschmaschinen

Mit „Der marktgerechte Mensch“ nehmen die Hamburger FilmemacherInnen Leslie Franke und Herolor Lorenz die Auswüchse heutigen Arbeitens in den Blick.

Zombies des Kapitalismus? Die Performance „1.000 Gestalten“ Foto: Kernfilm

BREMEN taz | Auf den ersten Blick scheinen einen jungen Kurierfahrer mit Migrationshintergrund und eine promovierte deutsche Akademikerin nicht viel zu verbinden. Zu erwarten wäre, dass der eine in prekären Verhältnissen lebt, die andere dagegen in gesicherten; Proletariat und Bildungskleinbürgertum wären früher vielleicht die Schlagworte gewesen. Der Dokumentarfilm „Der marktgerechte Mensch“, der heute in zahlreiche Kinos kommt, macht jedoch gleich in den ersten Minuten deutlich: Solche Unterscheidungen sind inzwischen obsolet.

Denn der Fahrradkurier wie auch die Akademikerin wurden in die Selbstständigkeit gezwungen und können nicht länger davon ausgehen, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz haben.

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Zugegeben: Beim Kurierfahrer geht es um Tage, bei der wissenschaftlichen Angestellten um Monate: Er arbeitet als Freelancer, seine Entlohnung berechnet ein Algorithmus, der jeden Auftrag bewertet und weitere davon vergibt. Unser Kurier war ein paar Tage lang krank; nicht nur verdiente er weniger, er rutschte auch in der Bewertung nach unten und bekam nur noch weniger attraktive Aufträge.

Die Akademikerin muss sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln. Sie arbeitet schon mal als vollwertige Dozentin, bekommt dafür aber erstaunlich wenig Geld und lebt zudem in ständiger Konkurrenz mit ihren KollegInnen. Eine „Entsolidarisierungsmaschinerie“ nennt sie dieses System, das sich an deutschen Universitäten inzwischen durchgesetzt hat.

Das Risiko tragen die ArbeitnehmerInnen

Bei Firmen wie H & M bekommen Angestellte nur noch „Flexverträge“, das bedeutet statt geregelter nur minimale Arbeitszeiten. CrowdworkerInnen dagegen schreiben zuhause am Computer Texte für Onlinefirmen, werden dafür mit wenigen Euros abgespeist und müssen sich kontrollieren lassen: wenn nicht gleich per Webcam, dann durch eine Software, die ihre Anschläge auf der Laptoptastatur registriert.

In all diesen Fällen lastet das Risiko auf den Beschäftigten; der Mensch soll so funktionieren, dass er eine möglichst optimale Profitmaximierung für die Unternehmen ermöglicht. Diese Zustandsanalyse liefern die FilmemacherInnnen Leslie Franke und Herolor Lorenz – kurz und pointiert, immer anhand konkreter Beispiele und mit ProtagonistInnen, die gut und eloquent ihre Lebensverhältnisse beschreiben.

Eine boshafte Spitze leisten sich Franke und Lorenz: Eine enthusiastische Leserin des Sachbuchs „Heirate dich selbst“ trägt nicht nur einen „Ehering“ für sich selbst, sondern hat auch ein „Hochzeitslied“ mit schlechten Reimen komponiert

In einer Art Parallelmontage berichten etwa zwei Frauen von den chronischen psychischen Belastungen, die das Arbeiten unter solchen Bedingungen mit sich bringt. Für die eine war die Kündigung die Konsequenz, für die andere eine Diagnose: Burnout.

„Der marktgerechte Mensch“ ist aufklärerisches Kino, aber keine Filmkunst. Die würde wohl nur ablenken von der Aussage. Und so haben Franke und Lorenz auch keinerlei Ambitionen in diese Richtung. Einen Filmpreis werden sie nicht gewinnen, genauso wenig wie mit den früheren Projekten ihrer Produktionsfirma Kernfilm: „Der marktgerechte Patient“, „Wer rettet wen?“ und „Bahn unterm Hammer“ behandelten jeweils aktuelle gesellschaftliche und ökonomische Probleme – und das aus einer dezidiert linken Position heraus.

Das Geld kommt in kleinen Scheinen

Ihre erklärtermaßen „von unten“ kommenden Filme finanzieren die beiden zu einem großen Teil, indem sie Tausende von Subskribenten werben; die schießen dann 20 Euro oder mehr zu und bekommen nach Fertigstellung eine DVD und die Lizenz zur Aufführung des jeweiligen Films. Man könnte auch „crowdfunding“ dazu sagen.

Durch diese MultiplikatorInnen entsteht Interesse an den Filmen schon lange bevor die abgedreht sind. „Der marktgerechte Mensch“ nun hat mit Salzgeber zwar auch einen richtigen Verleih, aber parallel dazu rief Kernfilm selbst online auf: „Der 16. 01. 2020 soll ein weithin hörbares Signal werden! Deshalb: Organisieren Sie an diesem Tag in allen Ecken der Republik eine Filmveranstaltung.“

Wie die erwähnten früheren Filme Frankes und Lorenz’ ist auch „Der marktgerechte Mensch“ eine filmhandwerklich solide Arbeit, mit der sie aber vor allem informieren wollen. So treten viele sprechende Köpfe auf, und wenn etwa ein US-amerikanischer Analytiker nur per Skype zu befragen war, dann sieht man ihn halt auch nur in schlechter Auflösung auf einem Bildschirm. Ein paar GesprächspartnerInnen wurden vor einem Blue Screen interviewt, sodass Bilder ihrer Arbeitsplätze – etwa dem Hamburger Containerhafen – in den Hintergrund montiert werden konnten.

Nur ein Element des Films ist eher sinnbildlich, und diese Sequenzen wirken wie kleine Ruhepausen zwischen den kompakt geschnittenen Informationsblöcken: Mit Lehm überzogene, graue Menschen wanken wie Zombies träge und teilnahmslos durch die Straßen – Aufnahmen von der Kunstperformance „1.000 Gestalten“, aufgeführt im Juli 2017 anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg. Das wirkt nicht zuletzt wie inspiriert von den „grauen Männern“ aus dem Roman „Momo“ von Michael Ende, doch hier sind die monochromen Menschen die Opfer, die viel von ihrer Lebendigkeit und Individualität verloren haben.

Strahlende Augen, schlechte Reime

Davon abgesehen ist der Grundton der Dokumentation betont sachlich. Nur einmal leisten sich Franke und Lorenz eine boshaft ironische Spitze: Weil der marktgerechte Mensch ja selbst dafür verantwortlich ist, sich zu optimieren, besteht großer Bedarf an Ratgeberbüchern, und neben einer gnadenlos positiv plappernden Bestsellerautorin aus den USA tritt so auch Veit Lindau auf, Verfasser des erfolgreichen Sachbuchs „Heirate dich selbst“, in dem er dafür plädiert, die Menschen sollten „radikal“, aber vor allem sich selbst lieben.

Im Film nun ist eine enthusiastische Leserin zu sehen, die nicht nur, gemäß Lindaus Anweisungen, einen „Ehering“ für sich selbst trägt, sondern auch noch ein Hochzeitslied komponiert hat, das sie mit strahlenden Augen und schlechten Reimen vorsingt.

So wie die „1.000 Gestalten“ am Schluss der Performance aus ihrem Stupor erwachen und den Lehm von sich abbröckeln lassen, zeigt auch der Film am Ende Lösungsansätze: Fahrradkuriere wie auch Beschäftigte bei H & M gründeten Betriebsräte, auch stellen die FilmemacherInnen Projekte des kooperativen Wirtschaftens vor, die Sparda Bank München etwa oder die Uhlenspiegel Druckerei. Und so lautet das Fazit: Nicht der Mensch soll und kann verändert werden – sondern der Markt.


Kritik zu Der marktgerechte Mansch

Konsumkapitalismus und die Folgen: Leslie Franke und Herdolor Lorenz skizzieren die Veränderungen am Arbeitsmarkt

Vor einem Jahr prangerten Leslie Franke und Herdolor Lorenz in »Der marktgerechte Patient« die Missstände unseres Gesundheitssystems an. Wo Zeit Geld ist, hieß damals ihr Fazit, leidet vor allem die Qualität. In »Der marktgerechte Mensch« weitet das rührige Duo nun den Blick aufs große Ganze. Wo Arbeit prekär ist und die Zukunft immer weniger planbar, lautet diesmal die Quintessenz, gerät das soziale Gefüge in gefährliche Schieflage.

Beispiele dafür gibt es viele – bei den Fahrradkurieren etwa, mit denen der weitläufige Interviewreigen beginnt, in der Textilbranche und inzwischen auch im Wissenschaftsbetrieb. Die Maxime, wonach Leistung und Einsatzbereitschaft automatisch zum Erfolg führen, gilt in diesen Berufszweigen schon lange nicht mehr. An die Stelle von tariflich organisierter Arbeit und einem verantwortungsvollen Miteinander von Arbeitgebern und Beschäftigten sind Zeit- und Werkverträge getreten, Leiharbeit, Jobs auf Abruf. Wie aber sollen Arbeitnehmer ihre Biografien planen, wenn sie nicht mal wissen, wie viele Stunden ihnen der Algorithmus für die kommende Woche zuteilen wird?

Obwohl man wisse, dass es allen so gehe, sagt ein Uni-Lehrbeauftragter, habe man das Gefühl, man wäre allein. Die Vereinzelung ist das große Thema von »Der marktgerechte Mensch«. Sie kommt im schnell wachsenden Freelancertum zum Ausdruck, aber auch in den Trends zur körperlichen und spirituellen Selbstoptimierung. Und selbstverständlich in der Abhängigkeit vom Smartphone. Wenn aber die meisten nur noch als Einzelkämpfer unterwegs sind, leidet die Solidarität. Vom marktgerechten Menschen bis zum marktgerechten Patienten ist es da nur noch ein kleiner Schritt.

In handwerklicher Hinsicht ist dieser mit Crowdfunding-Mitteln entstandene »Film von unten« einfach gestrickt. Was ihm an ästhetischer Vision fehlen mag, macht er jedoch mit Herzblut wett. Ans Ende setzen Franke und Lorenz einige positive Beispiele – utopische Gegenentwürfe, die auf sozialverträgliche Arbeit setzen.


Der marktgerechte Menscch

Der Mensch als Ware? Das ist eine Konsequenz der Veränderungen, die die kapitalistischen Systeme seit Jahren umwälzen und immer mehr Menschen in mehr oder weniger prekäre Arbeitsverhältnisse zwingen. In „Der Marktgerechte Mensch“ stellen Leslie Franke und Herdolor Lorenz zahlreiche Beispiele für diese neuen Arbeitswelten vor, aber auch Ansätze, sie zu verändern.

FILMKRITIK:

Outsourcing, Crowdworker, Gig-Economy. Das sind einige der – nicht zufällig englischen – Begriffe, mit denen die neuen Arbeitswelten bezeichnet werden, in denen sich immer mehr Menschen wieder finden, die wenigsten freiwillig. Kuriere für Lieferdienste etwa, die nicht mehr einen festen Stundenlohn erhalten, sollten nur pro erfolgreicher Auslieferung einer Ware bezahlt werden, nach einem kaum verständlichen Algorithmus.
 
Eine Folge der Bequemlichkeit vieler Menschen, die immer mehr Waren im Internet bestellen, damit zum einen zur Umweltbelastung beitragen, zum anderen zur ständigen Ausweitung der so genannten Gig-Economy. „Wir sind mit dem Algorithmus allein“ sagt dazu ein Lieferfahrer treffend, wobei besonders das Alleinsein nicht nur den Arbeiter isoliert, sondern auch die Vernetzung wenn nicht verhindert, so doch stark erschwert. Und das ganz bewusst wie Wirtschaftswissenschaftler längst erkannt haben, denn die Unternehmen versuchen auf diese Weise zu verhindern, dass sich die Arbeiter der Gig-Economy zusammentun, Gewerkschaften gründen und bessere Arbeitsverhältnisse durchsetzen.
 
Arbeiteten vor 20 Jahren noch fast zwei Drittel der Deutschen in Vollzeit, sind es heute nur noch knapp 38%. Doch das Versprechen auf Unabhängigkeit, individuelles Arbeiten, frei bestimmbare Zeitfenster hat für viele Selbstständige einen hohen Preis. Was oft als Vorteil verkauft wird, ist vor allem ein Vorteil für die Arbeitgeber, die weniger festes Personal beschäftigen, weniger Steuern zahlen, weniger Sicherheiten bieten.
 
Unterschiedlichste Formen dieser neuen wirtschaftlichen Alltäglichkeit stellen Leslie Franke und Herdolor Lorenz in ihrer Dokumentation „Der Marktgerechte Mensch“ vor, ein Nachfolger zu „Der Marktgerechte Patient". Dort hatte das Duo sich mit den Veränderungen des Gesundheitssystems beschäftigt, aufgezeigt, wie Krankenkassen an Gesundheitsleistungen sparen, Ärzte Profit machen und der Patient, der Mensch immer mehr zu kurz kommt. Nun weiten sie ihren Blick auf das gesamte kapitalistische System, das in einem kaum 100 Minuten langen Film natürlich nicht in Gänze zu erfassen ist.
 
Das Aufzählen von vielen individuellen Beispielen lässt „Der Marktgerechte Mensch“ daher zwangsläufig immer wieder wie Stückwerk wirken, eine sich durch den ganzen Film ziehende Argumentation, wie etwa zuletzt in der ebenfalls stark kapitalismuskritischen Piketty-Verfilmung „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ findet sich hier nicht. Vor allem als Basis für nachfolgende Diskussionen bietet sich die Dokumentation daher an, die mit ihren vielen kleinteiligen Beispielen für die Missstände der kapitalistischen Systeme, aber auch für Ansätze, das System zu verändern und menschlicher zu machen, viel Stoff zum Nachdenken bietet.
Michael Meyns
 

Der marktgerechte Mensch

„Freelancing ist wie der Wilde Westen“: Ein kritischer Dokumentarfilm über den Druck zur Selbstoptimierung und die Erodierung des sozialen Zusammenhalts im Zeichen des Kapitalismu.

In Paris, neben der Seine unter einer Brücke, treffen sich diverse Menschen und machen Fitness-Übungen. Ist eine Einheit abgeschlossen, blicken sie sofort auf ihre Smartphones – sie trainieren angeleitet von einer App. Freeletics ist eine jener Applikationen fürs Handy, die der Selbstoptimierung dienen. „Personalisiertes Training“, unterstützt durch eine lernende Künstliche Intelligenz, den „digitalen Coach“: So wird auf der Webseite das Produkt beworben – „Personalisiere deine Journey“. Eine Wortwahl, die aus der Sportübung eine Art Heldenreise macht. Denn die App macht dich ja zum Helden, wenn du es schaffst, dein Pensum stetig zu erhöhen und damit Ratings der Community zu ergattern. Das sind dann „Die Gefährten“. Oder bringt das digitale Social Ranking nicht vielmehr echtes solidarisches Verhalten zum Zusammensturz?

Missstände durchschaubar machen

Es ist eine Leistung des Dokumentarfilms von Leslie Franke, Alexander Grasseck und Herdolor Lorenz, dass die Ambivalenz in der Nutzung der App erhalten bleibt. Die vor allem jungen Menschen, die zu Wort kommen, sind überzeugt davon, dass die App ihnen hilft, ein besseres Selbstbild zu bekommen. Eine junge Frau meint, seit sie die App benutze, komme sie besser mit dem Wettbewerbsstress im Studium zurecht.

Dennoch verfährt „Der marktgerechte Mensch“ in erster Linie anklagend und deckt Missstände auf. Franke, Grasseck und Lorenz machen mehr als Dokumentarfilme, sie sind Filmemacher und Aktivisten zugleich, schaffen filmgestützte Kampagnen, hier gegen das letzte Auspressen menschlicher Ressourcen, gegen menschenunwürdige Beschäftigungsverhältnisse, gegen neue prekäre Arbeitsverhältnisse im Zeichen der Digitalisierung. Sie zeigen, welche Folgen all dies für unser soziales Miteinander und unsere Gesundheit hat. Denn mag eine App wie Freeletics Körper und Geist auch widerständiger machen: sie erzeugt vor allem Druck, immer besser zu werden.

Für Faulheit ist in dieser Welt kein Platz mehr; Faulheit wird zur Fäule. Die Filmemacher lassen auch Mediziner und Neurobiologen zu Wort kommen, die davor warnen, welche fatalen Folgen diese Einstellung in Arbeit und Alltag für die Psyche des Menschen haben kann. Was der Soziologe Andreas Reckwitz als „Singularisierung der Arbeitswelt“ (die sich auch in der Digitalisierung zeigt) bezeichnet, führt zum Verlust dessen, was den Menschen als soziales Wesen auszeichnet. Ein Mediziner im Film drückt es sehr schön aus. Diagnostiziert wird das „Zerbrechen des sozialen Bindegewebes“.

Reckwitz kommt im Film nicht zu Wort, aber diverse andere Soziologen, wie etwa Eva Illouz, die sich damit beschäftigt, was der Kapitalismus mit unserem Gefühlsleben macht. Die Bandbreite der Experten, Betroffenen und Akteure, die zur Glaubwürdigkeit beitragen, dass der Kapitalismus zerstörerische Kräfte freisetzt, ist enorm: Freelancer, die an der digitalen Frontier des Crowdworkings tätig sind, Prof. Bettina Musiolek  von Clean Clothes, die sich mit den Beschäftigungsverhältnissen in der Bekleidungsindustrie auseinandersetzt, bis zu Akteuren des Netzwerks Gute Arbeit in der Wissenschaft, das sich dem Kampf gegen die prekären Arbeitsverhältnisse an den Universitäten verschrieben hat. Da Franke und Lorenz in Hamburg ansässig sind, fehlt auch der G20 Gipfel 2017 nicht. Hier gibt es einen schönen Schnitt von einem Teilnehmer der Demonstration, der von einem Polizisten geschlagen wird und zu Boden geht, auf einen Darsteller der Perfomance „1000 Gestalten“, die sich als roter Faden durch den Film zieht.

Alternativen

Paris ist nur ein Handlungsort unter vielen und die digitale Selbstoptimierung nur eines unter zahlreichen Handlungs- und Krisenfeldern, die in diesem Film ihren Platz finden. Dabei gelingt es, Kritik zu üben und den Finger in Wunden des Kapitalismus zu legen, aber auch Alternativen aufzuzeigen. Sei es, dass der Betriebsrat von H&M einen Erfolg zu verzeichnen hat oder sich Mitarbeiter von Lieferando zusammengetan haben, um einen Betriebsrat zu gründen. Auch kooperatives Wirtschaften kommt zur Sprache und die Leitfigur dieser Alternative zur Exzellenz- und Wettbewerbsgesellschaft, Christian Felber, zu Wort. In der Episode zur Arbeit des Netzwerks Gute Arbeit in der Wissenschaft fällt die treffende Aussage, dass die prekären Zeitverträge, die den Wissenschaftsbetrieb dominieren, zu einer „Entsolidarisierungsmaschinerie“ führen. Klar, Tausende von qualifizierten Akademikern kämpfen um eine Handvoll Professuren, denn jenseits davon gibt es viel zu wenige Stellen für Wissenschaftler. Wen wunderts, dass da jeder nur noch an sich denkt.

Solidarisch haben sich aber viele Menschen gezeigt, die für die Herstellung von „Der marktgerechte Mensch“ gespendet haben. 186.000 EUR sind zusammengekommen. Es ist ein „Film von unten“, wie es die Filmemacher ausdrücken. Das stimmt: in seinem Anliegen und immerhin einem nicht unerheblichen Teil seiner Finanzierung.


Der marktgerechte Mensch

Was geschieht mit Menschen, die zunehmend dem Diktat des Wettbewerbs unterworfen werden? Die Frage ist dringend und auch filmreif.

Interview von Katrin McClean Rubikon 25.Juli 2017

Wenn Effizienz als einziger anzustrebender Wert auf dem freien Markt übrig bleibt, verändert sich die Arbeitswelt in eine pausenlose Konkurrenzmaschinerie. Die Produktionsfirma „Kernfilm“ untersucht in ihrem neuen Projekt die Folgen und Gefahren dieser Entwicklung. Katrin McClean hat die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz in ihrem Hamburger Studio besucht.

Zunächst einmal: Was ist „Kernfilm“, wie ist euer Unternehmen entstanden?

Herdolor Lorenz: Das ist eine ziemlich lange Geschichte, die sich schrittweise vollzogen hat. Angefangen haben wir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo wir ab 1986 den Prozess der Perestroika und das Auseinanderbrechen der UdSSR für das deutsche Fernsehen dokumentiert haben. Als die Entwicklungen dort immer hässlicher wurden, kehrten wir nach Deutschland zurück und machten sehr schnell die Erfahrung:

Kritik in anderen Ländern ist im deutschen Fernsehen immer erwünscht, aber wehe du bist im eigenen Land kritisch. Da kommt etwas, das muss man schon als Zensur bezeichnen.

Zensur in Deutschland? Ich kenne eine Menge Menschen, die das vehement bestreiten würden. Was ist euch denn passiert?

Leslie Franke: Wir haben 1995 einen Film über die bosnischen Flüchtlinge gemacht. Damals wollte Deutschland die noch so schnell wie möglich loswerden, und entsprechend negativ sollte die Darstellung sein. Wir haben diese Leute aber als Menschen wie du und ich gezeigt und sie reden lassen. Das waren oft gut ausgebildete, selbstbewusste Fachkräfte, und die haben zum Beispiel davon erzählt, wie es ist, wenn sie hier nur als Putzhilfen arbeiten können und dann teilweise enorm arrogant behandelt werden. Wir haben auch serbische Flüchtlinge gezeigt, die man ja damals nie in ein positives Licht stellen durfte.

Herdolor Lorenz: Die Redaktion des NDR hat das abgenommen und gesendet. Aber noch am selben Abend rief ein Vertreter des Intendanten bei uns an und sagte: Sie machen nie wieder was für’s Fernsehen. Später haben wir dann noch einige Filme für ARTE gemacht. Aber es wurde immer schwieriger. Unseren Film über die Privatisierung der Wasserversorgung in Frankreich und Deutschland konnten wir nur noch unter enormen Kämpfen durchbekommen. Kollegen von uns, die noch dort sind, sagen, dass es auch bei ARTE immer schlimmer wird. Deshalb haben wir mit Crowdfunding angefangen.

Auf eurer Internetseite heißt es, dass ihr „Filme von unten“ produziert. Was bedeutet das genau?

Leslie Franke: Jeder, der unser aktuelles Filmprojekt fördern möchte, unterstützt das Projekt mit 20 Euro über die jeweilige Filmwebseite. Manche auch mit weniger bzw. mehr. Wenn der Film fertig ist, gibt es einen Verein, der den FilmförderInnen eine DVD mit dem Recht schickt, den Film überall nichtkommerziell vorzuführen. Monatlich verschicken wir an unseren Unterstützerkreis einen Newsletter mit aktuellen Infos zum Thema oder zum Stand des Crowdfundings. Wer möchte, kann uns gerne Ideen für das neue Projekt mitteilen, wobei die Entscheidung, was am Ende gemacht wird, natürlich bei uns bleibt. Das hat viele Vorteile. Wir erfahren sehr viel über die Gedanken und Sorgen unserer Zuschauer. Manchmal kommen auch gute Kontakte zu Interviewpartnern zustande. Mit der Premiere sorgt dann ein funktionierendes Netzwerk dafür, dass der Film in Hunderten von Veranstaltungen in kommunalen Kinos, an Universitäten und Schulen, in Gemeindesälen und Kneipen gezeigt und das Thema diskutiert wird.

Herdolor Lorenz: Wir bekommen auch wesentlich mehr feedbacks. Während sich die Filme im Fernsehen eher „versendet“ haben und oft nur passiv rezipiert wurden, schreiben uns die Zuschauer jetzt viel mehr Emails, die sich intensiv mit den Filmen auseinandersetzen. Wir werden auch vielfach zu den Filmdiskussionen eingeladen.

Euer letzter Film „Wer rettet wen?“ hat sich mit Bankenrettungen und Griechenlandkrise beschäftigt. Ihr wurdet von der Tagesschau als Kulturtipp erwähnt.

Herdolor Lorenz: Das war eine Kollegin von uns, die das einfach gemacht hat. Es gibt ja immer noch einzelne mutige Menschen in den Sendern. Damit hat die Redakteurin uns enorm geholfen. Viele Zeitungen und Rundfunksender haben den Tipp aufgegriffen.

Inzwischen arbeitet ihr an einem neuen Projekt, in dem nicht Banken oder Hedgefonds im Vordergrund stehen, sondern Menschen in Arbeitsprozessen. Wie kam es zu dem neuen Thema?

Leslie Franke: Das ist in gewissem Sinne eine logische Folge aus der Arbeit an „Wer rettet wen?“ gewesen. Im Kampf um die immer höhere Rendite wird ja überall mehr Wettbewerbsfähigkeit gefordert. Und das hat gravierende Folgen für die Gesellschaft und für jeden einzelnen Menschen. Die wollen wir untersuchen.

In eurer Projektbeschreibung sprecht ihr von einer rasanten Veränderung des Arbeitsmarktes. Was meint ihr konkret?

Herdolor Lorenz: Das Zentrale ist die Arbeitsgesetzgebung, die sich mit der Agenda 2010 tiefgreifend verändert hat. Während früher der unbefristete Arbeitsvertrag die Norm war, gibt es heute zahlreiche Modelle für Arbeitgeber, sich an der sozialen Verpflichtung für den Arbeitnehmer vorbei zu mogeln.

Mini-Jobs, befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit und Arbeiten auf Honorarbasis zum Beispiel. Es werden immer mehr solcher Modelle entwickelt, und sie werden immer abstruser. Etwa, wenn ein Verkäufer bei H&M sich verpflichtet, 6 Tage die Woche rund um die Uhr für H&M in Bereitschaft zu sein, aber oftmals nur die garantierten 10 – 15 Stunden wirklich gegen Honorar beschäftigt wird.

Leslie Franke: Die Firmen wälzen also immer mehr Risiken auf die Beschäftigten ab und drücken sich um die Zahlung von Sozialversicherungen. Das verkleiden sie in der Botschaft, dass jeder sein eigener Unternehmer ist. Für junge Leute mag das toll klingen, aber die haben eben nicht im Blick, dass sie weder kranken- noch sozialversichert sind und später in der Altersarmut landen.

Vielleicht gerade hier noch einmal für die jüngeren Leser: Welche gesetzlichen Regelungen gab es früher, die über Jahrzehnte von Arbeitnehmern erstritten wurden, und die nunmehr abgeschafft werden.

Herdolor Lorenz: Werksverträge waren verboten, Arbeitnehmer mussten immer direkt beschäftigt werden und nicht über eine Verleihfirma. Leiharbeit selbst war nur in Ausnahmefällen erlaubt. Arbeitnehmer mussten nach einem befristeten Vertrag in die Festanstellung übernommen werden und genossen ab da einen hohen Kündigungsschutz.

Aber vor allem ist ja auch die Zahlung des Arbeitslosengeldes kaputtgespart worden. Zwei Jahre Arbeitslosengeld, und danach noch mehrere Jahre Arbeitslosenhilfe, da wurde auch dein Vermögen noch nicht angegriffen. Heute hast du das alles nicht mehr und wirst über die Hartz-IV-Gesetze praktisch sofort in den nächsten Job gezwungen.

Es wurde behauptet, all diese sozialen Sicherheiten und Leistungen mussten abgeschafft werden, weil unsere Gesellschaft sich das nicht leisten könnte.

Herdolor Lorenz: Wir glauben, dass das ein Irrtum ist.

Freier Wettbewerb, der nicht geregelt ist, nutzt immer nur den Starken, denen, die Besitzer der Unternehmen sind und davon profitieren, dass es immer mehr Arbeitnehmer gibt, die für noch weniger Lohn arbeiten gehen.

Das Gesetz lautet: Je weniger Ausgaben, umso mehr Gewinn. Die Leidtragenden sind die Beschäftigten. Das betrifft nicht nur Lohnkosten, sondern auch Arbeitssicherheit, Umweltschutz und so weiter. Der deregulierte Wettbewerb kann nur immer weiter nach unten führen, es gibt ja keine Grenze mehr.

Leslie Franke: Es ist auch volkswirtschaftlich idiotisch. Wir alle müssen als Steuerzahler dafür zahlen, dass die Leute krank werden oder Burn out bekommen. Wer den ganzen Tag arbeitet und trotzdem nicht genug Geld für Wohnung und Familie hat, erlebt Stress, der auf die Dauer krank macht, und das geht auf die Kosten aller.

Um das zu verhindern, benötigt man eigentlich politische Entscheidungen, die den Agenda-Kurs von Schröder rückgängig machen.

Herdolor Lorenz: Danach sieht es aber nicht aus. In unseren Medien wird Macron gerade als gute Alternative gegenüber Le Pen gefeiert. Aber eine der ersten Dinge, die er noch vor den Sommerferien machen will, ist es, die Tarifverträge abzuschaffen und den Unternehmern zu versprechen, dass sie selbst entscheiden können, was arbeitsrechtlich geschieht.

Die Gewerkschaften werden von ihm quasi entmachtet und bekommen nur noch ein sehr eingeschränktes Mitspracherecht. Es gibt in Macrons Gesetzes-Entwurf sogar eine Formulierung, dass betriebliche Vereinbarungen höher gestellt werden als nationale Gesetze. Das ist ein neoliberaler Putsch hoch sieben.

Leslie Franke: Das Verrückte ist doch, dass, sagen wir mal, bei BMW Arbeiter per Leiharbeit am Fließband beschäftigt werden, die so wenig Geld verdienen, dass sie zum Jobcenter gehen müssen, um aufzustocken.

Das heißt, wir subventionieren aus unseren Steuergeldern Gehälter, an denen die Unternehmer so sehr sparen, dass niemand davon leben kann. Umgekehrt bekommen die Unternehmen aber noch Steuererleichterungen vom Staat.

Was bringt es mit sich, wenn der beste Arbeiter der ist, der zu möglichst niedrigem Lohn arbeitet und möglichst niedrige oder gar keine Sozialleistungen mehr beansprucht?

Leslie Franke: Er verliert auch an Mitspracherecht, an Demokratie. Das ist uns ganz wichtig zu erzählen. Wenn du ein Multijobber bist, hast du keine Zeit mehr, um dich zu engagieren. Für Zeit- oder Leiharbeiter gibt es kaum noch gewerkschaftliche Organisationen. Es gibt keine Solidarität mehr. Jeder vereinzelt.

Auf eurer Website weist ihr daraufhin, dass man sich in unserer Gesellschaft von klein auf an diesen Wettbewerb gewöhnt. Was meint ihr damit genau?

Herdolor Lorenz: Das wird schwierig zu erzählen sein, aber es ist doch so, die Verantwortung wird individualisiert. Wenn ein Arbeitnehmer es nicht in einen Job schafft, dann fühlt er sich schuldig und macht alles, damit er auf diesem Markt doch noch irgendwie bestehen kann. Der Blickwinkel, dass die Gesellschaft eine Mitverantwortung trägt, verschwindet. Kinder müssen sich heute schon früh entscheiden, wenn sie eine gute berufliche Perspektive haben wollen. Wir haben das Gefühl, dass Schüler heute eine wesentlich höhere Zukunftsangst haben als wir früher.

Leslie Franke: Sie werden auch sehr einseitig fokussiert. Zum einen gibt es diese erschreckende Digitalisierung, die Schüler zu kurzfristigem Denken zwingt. Selbständiges, freies Denken geht dabei immer mehr verloren. Außerdem werden Unterrichtsinhalte zusehends von der Industrie mitbestimmt. Da kommt ja viel von der Bertelsmann-Stiftung, einer der größten privaten Medienkonzerne der Welt, der ganz klar die Interessen der Wirtschaft vertritt.

Wie das?

Herdolor Lorenz: Die Hochschulreform nach dem Bologna-Modell ist mehr oder weniger dort entwickelt worden. Seitdem sind auch die sozialen Strukturen an den Universitäten aufgelöst worden, die Vereinzelung beginnt schon im Studium. Das Interessante daran ist, dass es sich bei Bertelsmann eigentlich um einen Medienkonzern handelt, der sich durch die Gestaltung als Stiftung vor der Steuerzahlung drückt und gleichzeitig die Macht hat, Bildung, Medien-Inhalte und letztlich auch Politik zu beeinflussen.

Leslie Franke: Ein anderes Beispiel, wie stark die Interessen der Wirtschaft unsere Gesellschaft dominieren, ist auch die Entstehung von Forschungsaufträgen. Es gibt an Universitäten vielfach nur noch Forschungen, die von einem Wirtschaftsunternehmen gesponsert werden. Damit haben wir überhaupt keine unabhängige Forschung mehr. Und damit werden aber auch die Studenten schon gleich auf die marktgerechte Schiene eingefahren.

Herdolor Lorenz: Wir waren für unseren letzten Film in einer Universität in Spanien, da besteht schon der Studentenausweis aus einer Kreditkarte der Santander-Bank.

Nun könnten die Studenten ja auch sagen: Ich finde es gut, so viel wie möglich zu leisten und an meine Grenzen zu gehen. Das verschafft mir Erfolgserlebnisse. Wie sieht es mit dieser Logik aus?

Herdolor Lorenz: Wir haben gerade eine Studie der DAK entdeckt, in der untersucht wurde, wie Menschen in Deutschland schlafen. Sie hat herausgefunden, dass inzwischen vier von fünf Beschäftigten massive Schlafprobleme haben. Seit 2010 hat sich die Zahl der Betroffenen um sechzig Prozent erhöht. Eine große Problematik, die bei dieser Studie zutage trat, war der Fakt, dass bei den meisten Beschäftigten die Verfügbarkeit über den Feierabend hinaus bis nach Hause reicht. Hier werden vor allem die digitalen Medien zum Fluch. Aber auch das ständige Nachdenken darüber, wie man sich noch besser profilieren kann, kann ja Schlaf rauben.

Wie könnt ihr davon in eurem Film erzählen? Diese Phänomene spielen vermutlich in fast jeder Branche eine Rolle.

Herdolor Lorenz: Wir haben uns hier erst einmal auf die Krankenhäuser konzentriert, die sich durch die Einführung der Fallpauschalen sehr verändert haben. Seither hat jede Diagnose einen Preis. Kliniken, denen der Preis für die Behandlung ausreicht, können nun erstmals Gewinne machen. Oder Verluste, wenn ihnen der Preis nicht ausreicht.

Das hat einen gnadenlosen Wettbewerb ausgelöst. Privatisierte Krankenhäuser konzentrieren sich in der Regel auf finanziell attraktive Fallpauschalen und sparen am radikalsten am Personal. Hier kommt noch ein weiterer Aspekt dazu, nämlich wie sich der Patient unter den Gesetzen des freien Marktes verändert. Er wird – kurz gesagt – zu einer Maschine gemacht, die man repariert.

Das Krankenhaus ist nur noch ein Dienstleistungsunternehmen, und sieht in einem Patienten nur die Fallpauschale. Ist die Fallpauschale teuer, hilft sie, den Betrieb gewinnbringend zu halten. Patienten mit einer niedrigpreisigen Krankheit werden dagegen gefürchtet, weil sie Verlust bringen.

Leslie Franke: Interessant wird ein Patient für das Wirtschaftsunternehmen Krankenhaus also erst, wenn er eine möglichst teure Operation oder Behandlung „braucht“. Dann müssen eben 90-Jährige noch eine künstliche Herzklappe bekommen. Es werden also Dinge gemacht, die nichts mit den Menschen zu tun haben, sondern vor allem einen wirtschaftlichen Nutzen für das Unternehmen darstellen.

Herdolor Lorenz: Dazu kommt eben auch, dass die Zuwendung zum Patienten nicht bezahlt wird. Die Ärzte informieren die Patienten in fünf Minuten von einer komplizierten Operation, und viele vertrauen dann eben den Ärzten und lassen Dinge mit sich machen, die nicht zwingend notwendig und oftmals auch riskant sind.

Leslie Franke: Die Ärzte haben auch oft gar keine Zeit für Gespräche. Wir haben gerade mit einem Arzt gesprochen, der ist am Wochenende mit 40 Patienten allein auf einer Station. Und dann kommt noch dazu, dass alle Leistungen korrekt abgerechnet werden müssen, damit sie von den Krankenkassen bezahlt werden. Inzwischen beschäftigen sich viele Ärzte über die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit der Dokumentation ihrer Tätigkeit, damit sie abgerechnet wird.

Mit den knapp bemessenen Fallpauschalen können sie ihre Station kaum am Laufen halten. Deswegen gibt es generell zu wenig Personal, viele Arbeitsbereiche wie Verpflegung oder Reinigung werden outgesourct. Die entsprechenden Mitarbeiter werden in der Regel unter Tarif bezahlt.

Das bekommen auch die Patienten zu spüren. Wer nur eine finanziell unattraktive „Fallpauschale“ ist, wird entsprechend nachlässiger behandelt als der Patient mit der „hochwertigen Diagnose“. Andererseits stehen die Ärzte oft vor schweren Entscheidungen. Im Zweifelsfall hilft eine teure Operation vielleicht nicht dem betroffenen Patienten, dafür aber der gesamten Station, weil sie sich jetzt eine Arbeitskraft mehr leisten kann.

Es folgt alles nur noch dem Gesetz der Effizienz. Ein privates Krankenhaus ist angehalten jährlich einen Gewinn von 11 Prozent zu machen. Ein Krankenhaus! Das muss man sich mal vorstellen!
Aber auch die kommunalen müssen auf diese Weise ums Überleben kämpfen, weil sie auch mit diesem Fallpauschalensystem arbeiten müssen. Und sobald sie in ein Minus kommen, werden sie entweder geschlossen oder die Filetstücke privatisiert.

Was ist mit den Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern, die unter solchen Umständen arbeiten müssen? Wisst ihr schon, was ihr über die erzählen könnt?

Leslie Franke: Die PflegerInnen trifft es besonders schlimm, weil sie ja mit den Menschen arbeiten. Es wird auf der einen Seite an ihre Verantwortlichkeit appelliert, aber auf der anderen Seite haben sie keine Zeit und oft auch keine Kraft mehr, um ihrem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Was macht so jemand, wenn er endlich frei hat und dann ein Notruf kommt, dass Kollegen ausgefallen sind. Auf der einen Seite können sie selbst nicht mehr, auf der anderen Seite wissen sie, dass die Patienten den Pflegenotstand auszubaden haben, wenn sie zu Hause bleiben. Infolge der Überbelastung reduzieren viele ihre Arbeitszeit, was aber wiederum finanzielle Einbuße bedeutet. Manche verlassen den Job aber auch. Von einem Schwesternlehrgang erreichen viele nicht einmal das Ende der Ausbildung. Die sehen in den ersten Praktika, was sie erwartet, und suchen sich eine andere Ausbildung.

Manche PflegerInnen fangen auch an, sich politisch zu engagieren. Bei Verdi gibt es da ja inzwischen einige Initiativen. Manche wenden sich auch an die Medien, aber da gibt es viel Angst, dass die Leute ihren Job verlieren, wenn die Geschäftsleitung das herausbekommt.

Herdolor Lorenz: Aber man muss auch sagen, dass die Ärzte unter enormem Druck stehen. Eigentlich haben sie ja gelernt, selbständig Diagnosen zu treffen, sich Zeit für den Patienten zu nehmen, ihn möglichst ganzheitlich zu betrachten. Das kannst du in der Praxis alles vergessen. Wenn du deine Abteilung nicht gefährden willst, musst du den Patienten gefährden.

Leslie Franke: Die müssen sich ja jeden Monat vor der Geschäftsleitung dafür rechtfertigen, wenn sie nicht genug Operationen gemacht haben. Sie müssen vierteljährliche Planziffern erfüllen. Das macht die auch psychologisch fertig.

Die, mit denen wir sprechen, sagen, sie gehen jeden Abend völlig erschöpft nach Hause und haben trotzdem das Gefühl, dass sie nicht getan haben, was sie eigentlich hätten tun müssen.

*Und das alles nur, damit ein paar Eigentümer ihre Gewinne einfahren können und der Staat nicht mehr für die medizinische Versorgung seiner Bürger verantwortlich ist. *

Herdolor Lorenz: Für uns sind Krankenhäuser das beste Beispiel, um zu zeigen, wie gefährlich Wettbewerb sein kann. Die Verwandlung der Krankenhäuser in profitorientierte Wirtschaftsbetriebe schadet am Ende allen Beteiligten. Wir beleuchten in unserem Film aber noch andere Branchen, die Schwachstellen sind am Ende überall dieselben.

Die Politik zieht sich aus der Verantwortung und die Beschäftigten bezahlen die Rechnung.

Das klingt nach einer ziemlich düsteren allgemeinen Perspektive. Habt ihr Ideen, auf welchem Wege man dieser Marktkonformisierung der Gesellschaft entkommen kann?

Herdolor Lorenz: Das Stichwort heißt auf jeden Fall Solidarisierung. Das Bedürfnis nach Solidarität und nach Sinnhaftigkeit nimmt massenhaft zu. Die Leute haben immer weniger Lust auf diese Vereinzelung und suchen sich Alternativen, in denen sie Gemeinschaften ohne Konkurrenz erleben können. Da ist auch politisches Handeln wieder im Trend, wie ja die großen Anti-TTIP-Demos gezeigt haben. Manche müssen dort erst wieder lernen, was es eigentlich heißt, miteinander zu agieren.

Leslie Franke: Ein anderes Beispiel ist die Initiative der Gemeinwohl-Ökonomie. Hier geht es nicht vornehmlich um den maximalen Gewinn, sondern die Unternehmen werden daraufhin geprüft, inwieweit sie höhere Standards in Bezug auf sozial verträgliche Arbeitsbedingungen oder Umweltschutz erfüllen. Wer diese Standards erfüllt, kann Mitglied in einer Unternehmensgemeinschaft werden, die solidarisch miteinander verbunden ist. Gerade in Bayern gibt es immer mehr Betriebe, die dieses Zertifikat erwerben und zeigen, dass Wirtschaft auch anders geht.

Herdolor Lorenz: Wir glauben jedenfalls nicht, dass einfach nur eine neue Partei an die Macht kommen braucht, die jetzt alles anders macht. Die Gesellschaft braucht einen grundlegenden Wandel, und der muss von unten kommen. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Und das geschieht ja auch schon.

**Zum Beispiel, indem Menschen einen Film finanzieren, der von den Zwängen erzählt, die uns alle betreffen. Bis wann kann man sich an der Unterstützung eures aktuellen Projektes beteiligen?

Leslie Franke: Der Film soll Ende 2018 fertig werden. So lange nehmen wir auch jede Unterstützung sehr gern entgegen.

Dann wünsche ich euch viel Glück und bedanke mich für das interessante Gespräch.


»Die Chefs üben offenbar großen Druck aus«

Ein Dokumentarfilm will prekäre Arbeit in der BRD beleuchten. Doch ­wenige Betroffene wollen sich öffentlich äußern. Ein Gespräch mit Leslie Franke

Junge Welt, Ausgabe vom 03.07.2017,

Interview: Ben Mendelson

Leslie Franke ist Regisseurin und Mitbegründerin der Kern-Filmproduktion. Derzeit arbeitet sie mit Herdolor Lorenz an dem Dokumentarfilm »Der marktgerechte Mensch«Die Kampagne, um den Film zu ­finanzieren, wurde bis zum 1. September verlängert. Mehr Informationen: www.marketable-people.org

Sie suchen derzeit Menschen, die bereit sind, in Ihrem neuen Film »Der marktgerechte Mensch« aufzutreten: neben »Aufstockern« und Personen mit mehreren Jobs, die trotzdem kaum über die Runden kommen, gerade Beschäftigte, die mit sogenannten Bereitschaftsverträgen angestellt sind. Was ist problematisch an diesem besonderen Arbeitsverhältnis?

Den Mitarbeitern mit solchen Verträgen wird zugesagt, dass sie zehn bis 15 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Sie müssen sich aber sechs Tage die Woche bis zu 24 Stunden am Tag auf Abruf zur Verfügung halten. Diese Bereitschaft wird von Lieferdiensten wie Foodora verlangt, ebenso bei der Textilkette H&M. Und dieses Beschäftigungsverhältnis scheint sich in diesen Sektoren weiter auszuweiten. Aus meiner Sicht ist das eine moderne Form der Sklaverei. Sie können keine andere Arbeit annehmen, obwohl viele noch nicht mal auf die versprochenen zehn Stunden pro Woche kommen.

Wie reagieren die Beschäftigten darauf?

Ich würde mich freuen, wenn sie sich untereinander solidarisieren würden. Aber da die meisten versuchen, ihren Kollegen die Stunden abzujagen, um selbst über die Runden zu kommen, sehe ich dafür wenig Chancen.

Hat sich dazu jemand vor der Kamera geäußert?

Wir sprechen derzeit mit vielen Leuten, finden aber niemanden, der bereit ist, sich auch vor die Kamera zu stellen. Die Chefs üben offenbar großen Druck aus.

Zu welchem Arbeitssektor recherchieren Sie aktuell noch?

Derzeit arbeiten wir in Deutschland viel zum Gesundheitswesen. 2004 wurden die Kliniken mit der Einführung der Fallpauschale marktgängig gemacht. Jede Diagnose hat seitdem einen festen Preis, den die Krankenkassen bezahlen. Deshalb konkurrieren die Krankenhäuser um die Patienten, es hat sich längst ein Wettbewerb etabliert. Da gibt es kaum Unterschiede zwischen kommunalen, landeseigenen und privaten Krankenhäusern. Alle arbeiten gewinnorientiert.

Viele Kliniken wie die Charité oder Vivantes in Berlin gründen Tochtergesellschaften. Die dort Beschäftigten werden nicht nach Tarif bezahlt und bekommen oft zwischen 400 und 800 Euro weniger im Monat als ihre Kollegen. Gespart wird bei den Pflegekräften, bei Putzkräften und bei den Menschen, die für Bluttransporte, das Sterilisieren der Instrumente oder den Weg in den OP zuständig sind.

Welche weiteren Konsequenzen hat diese Ausrichtung an Wettbewerb und Markt?

Die Patienten werden eingeteilt in lukrative und nicht lukrative Fälle. Wer mit einer Krankheit eingeliefert wird, für deren Behandlung es nur wenig Geld gibt, wird möglichst schnell abgewickelt oder sogar abgewiesen. Die meisten Krankenhäuser haben in unrentablen Abteilungen Personal abgebaut, die Notaufnahmen sind völlig unterbesetzt. Denn dort bekommt das Krankenhaus für einen aufgenommenen Patienten, der zum Beispiel einen Herzinfarkt hat, nur geringe Beträge. Das deckt nie und nimmer die Kosten. Wenn aber jemand mit Rückenschmerzen in die Klinik kommt und man ihm in fünf Minuten eine Operation aufschwatzen kann, werden 30.000 Euro und mehr gezahlt. Dann jubelt die Klinikleitung. In Hessen werden viele Rückenoperationen durchgeführt, andernorts besonders häufig Kaiserschnitte. Nur, weil dort Kliniken sind, die ausgelastet werden müssen, um Gewinne zu erzielen.

Diese Änderungen werden doch auch die Ärzte spüren.

Für sie ist die Situation verrückt. Früher musste der Arzt darauf schwören, dass er sein ganzes Augenmerk auf das Wohl des Patienten richtet. Heute bekommen die Ärzte Bonuszahlungen, wenn sie möglichst viele lukrative Diagnosen in kurzer Zeit stellen. Andernfalls könnten ihre Stationen geschlossen oder Pflegerinnen entlassen werden. Uns haben viele Ärzte berichtet, dass diese Situation nichts mehr mit ihrem eigentlichen Beruf zu tun hat. Sie werden dazu genötigt, möglichst viele Operationen zu machen – auch dann, wenn es nicht nötig ist. Am Ende bleibt der möglichst marktgerechte Patient, dessen Wohl längst nicht mehr im Mittelpunkt steht.


Kino von unten ... Leslie Franke im Gespräch (SB)

Schattenblick - Filmkultur sozial bewegt Interview in Hamburg-Rotherbaum am 7. September 2016
Leslie Franke ist Dokumentarfilmerin und lebt in Hamburg. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Herdolor Lorenz [1] hat sie mehrere Filme gedreht, die sich kritisch mit der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus, den sozialen Folgen der neoliberalen Marktwirtschaft und sozialökologischen Problemen, die bei der Privatisierung der lebenswichtigen Ressource Wasser entstehen, auseinandersetzen. Am Rande einer Veranstaltung der Gewerkschaftslinken Hamburg, bei der eine Delegation von Eisenbahngewerkschaftern aus Japan über ihre Arbeitskämpfe vor dem Hintergrund der Atomkatastrophe von Fukushima berichtete [2], beantwortete Leslie Franke dem Schattenblick einige Fragen zu ihren bisherigen Produktionen und der besonderen Art und Weise, wie die beiden Filmemacher ihr Medium dazu nutzen, das Publikum aktiv am Zustandekommen und der Verbreitung politisch wichtiger Aufklärung zu beteiligen und so in Bewegung zu bringen.

Schattenblick (SB): Euer neues in Arbeit befindliche Filmprojekt heißt "Der marktgerechte Mensch". Worum geht es dabei?

Leslie Franke (LF): Das Filmprojekt beschäftigt sich mit der Deregulierung des Arbeitsmarktes. Angefangen hat diese Entwicklung hauptsächlich mit der Schröder-Regierung und der Einführung von Leiharbeit, Werkverträgen, unbefristeter Arbeit usw. Im gleichen Zuge wurden alle Arbeitsschutzrichtlinien und -standards weitgehend zusammengestrichen. Unser Thema ist im Prinzip: Welche Ursachen hat diese Entwicklung, wie war sie durchzusetzen, was macht sie mit den Menschen und der Gesellschaft?

SB: Welches Konzept steckt hinter eurem Film, basiert es vor allem auf Interviews oder geht es mehr um die Chronologie der staatlichen Maßnahmen?

LF: Wir haben verschiedene Bereiche im Blick, aber den Drehplan machen wir erst jetzt. Natürlich beschäftigen wir uns auch mit der Gesundheitsreform und dem Pflegenotstand. So tritt im Film zum Beispiel ein Trucker auf, um die Frage zu beleuchten, was die Öffnung der Grenzen und der Abbau der arbeitsrechtlichen Standards, die in Brüssel verfügt wurden, für die Fernfahrer und ihre Arbeit bedeutet. Zu den verschiedenen Arbeitsfeldern, die wir untersuchen wollen, gehören unter anderem die Leih- und Werk-, aber auch die Internetarbeit, wo zumeist jungen Leuten versprochen wird, sie seien frei in ihrer Arbeitseinteilung.

Letztendlich ist es jedoch eine Form von Sklavenarbeit, weil man nur auf Abruf angestellt wird und den Arbeitsvertrag, sofern man überhaupt einen bekommt, mit dem jeweiligen Arbeitgeber individuell abstimmen muß. Dabei herauszuarbeiten, daß die Arbeitsmarktderegulierung den Menschen total in die Vereinzelung treibt, ist uns ganz besonders wichtig, weil so jede Form von Solidarität unmöglich gemacht wird und jeder gezwungen ist, nur noch für sich allein zu kämpfen. So hat die französische Regierung ein Arbeitsgesetz durchgebracht, dessen zentraler Punkt darin besteht, daß jeder einzelne mit seinem Arbeitgeber die Bedingungen seiner Arbeit aushandelt. Das wirft uns, ich würde sagen, in frühindustrielle Verhältnisse und damit um Jahrhunderte zurück und hebt all das, was seitdem erkämpft worden ist, mit einem Federstrich wieder auf.

Wir wollen damit keineswegs sagen, daß früher alles besser war. Die Arbeitsbedingungen haben sich verändert, und natürlich muß man darüber nachdenken, wie man mit dieser Veränderung umgehen kann. Aber einen Arbeitsschutz muß es weiterhin geben, sowohl auf dem Arbeitsplatz als auch hinsichtlich der Verträge und der sozialen Absicherung durch die Rente. Denn eine Arbeit auf Honorarbasis provoziert eine unheimliche Arbeitsarmut. Es ist schon jetzt abzusehen, worauf das Ganze hinausläuft. An der Art und Weise, wie im Zuge der Finanzkrise praktisch alle sozialen Standards ausgehebelt wurden und den südlichen Staaten eine Austeritätspolitik aufgezwungen worden ist, kann man leicht erkennen, was passiert, wenn diese Bestimmungen aus den Angeln gehoben werden. Nachdem dieses neoliberale Modell in der Hauptsache bei uns in Deutschland unter Gerhard Schröder eingeführt wurde, wird jetzt versucht, es für ganz Europa festzuschreiben.

SB: Ihr greift im Grunde ein klassisches Thema der Linken auf, die das Verhältnis von Kapital und Arbeit in seiner grundlegenden Widersprüchlichkeit allerdings nur noch randläufig behandelt. Welche persönliche Motivation hattest du, dich diesem nicht unbedingt wohlgelittenen Thema zuzuwenden?

LF: Dennoch ist es total populär, weil es uns allen auf den Fingern brennt. Amazon ist natürlich exemplarisch für diese Entwicklung, aber es gibt um uns herum verschiedene andere Beispiele, wo die Leute um Sicherheit ringen, aber nur Verträge für drei oder sechs Monate, vielleicht mal für ein Jahr kriegen und nicht wissen, wie es mit ihnen hinterher weitergeht. Auch im Schulwesen gibt es mehr und mehr befristete Lehrer, die in den Sommerferien freigestellt werden und nicht wissen, ob sie im September wieder angestellt werden, und das, obwohl sie dringend gebraucht werden. Darauf den Blick zu richten, was es mit den Menschen macht, wenn sie nicht wissen, wovon sie morgen oder übermorgen leben sollen, ist meine persönliche Motivation, denn daß der Mensch sich ernähren können muß, ist etwas Grundlegendes.

So wie ich es sehe, gebiert dieser haltlose Zustand den ganzen Auswuchs an Angst in der Gesellschaft vor den Fremden. Jahrzehntelang konnte man in der Bundesrepublik ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit in Anspruch nehmen, doch dies fällt seit einiger Zeit in sich zusammen. Die Leute merken es nun und bekommen Angst, daß ihnen das, was von diesen Sicherheiten geblieben ist, auch noch weggenommen wird. Diese Angst in der Gesellschaft, die die rechten Kräfte stärkt und aufbläht, berührt und beschäftigt mich, weil man sie nicht mehr in den Griff zu bekommen scheint.

SB: Der Verwechslung, daß der Fremde der Feind sei, entgegenzutreten und gleichzeitig die wirklichen Machtverhältnisse zu hinterfragen, ist das der Antrieb deiner Arbeit?

LF: Ja, daß die Angst in eine falsche Richtung fokussiert wird. Mit unseren politischen Aufklärungsfilmen wollen wir den Menschen zeigen: Hey, das ist nicht dein individuelles Problem, und auch der Nachbar oder der Flüchtling sind nicht schuld daran, sondern es ist ein systemisches Problem und hat etwas mit der Entwicklung der Gesellschaft zu tun. Aber du als Bürgerin oder Bürger hast die Möglichkeit, dich dagegen zu wehren. Meines Erachtens kann nur die Zivilgesellschaft echten Widerstand aufbauen, denn die Politiker stehen so unter der Kuratel des Finanzkapitals, diesem ganzen Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck, daß ich ihnen nicht mehr vertraue. Natürlich möchte ich, daß die Leute zu den Wahlurnen gehen, aber sie müssen auch etwas fordern und sich nicht wie Schäfchen von allen möglichen politischen Richtungen einsacken lassen.

SB: Könntest du noch ein paar Worte zu euren bisherigen Filmen sagen?

LF: Herdolor Lorenz und ich arbeiten seit über 30 Jahren im Dokumentarbereich. In den letzten zehn Jahren haben wir uns mit Fragen der Daseinsvorsorge beschäftigt. Darunter fällt Gesundheit, Bildung, Mobilität und so weiter, also die grundsätzlichen Bereiche, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Ein wichtiger Punkt ist dabei Wasser. Mit der Problematik dieses Lebenselexiers haben wir uns lange und intensiv auseinandergesetzt. Wasser ist auch ein politisches Druckmittel. Den ersten Film zu diesem Thema - "Das blaue Gold im Garten Eden" - habe ich 2003 gemacht. Dabei ging es um die Wasserfrage im Länderdreieck Türkei-Syrien-Irak, die jetzt zu einem Riesenproblem explodiert ist, denn Euphrat und Tigris entspringen in der Türkei. Türkische Politiker haben immer gesagt: Wir sitzen an den Wasserhähnen und bestimmen, was in der Region passiert.

SB: Inwieweit könnte in Anbetracht deiner Recherchen die Wasserknappheit eine Rolle gespielt haben beim Ausbruch der Feindseligkeiten in Syrien?

LF: Kriege in dieser Region gehen in der Regel um Öl und Macht, aber in diesem konkreten Fall geht es ganz klar auch um Wasser. In dieser Auseinandersetzung hat die Türkei immer wieder Druck auf Syrien ausgeübt. Als die PKK noch Lager in Nordsyrien hatte und Öcalan von dort aus den kurdischen Widerstand in der Türkei organisierte, hat die türkische Regierung explizit damit gedroht, den Zufluß von Wasser zu drosseln, sollte Syrien die PKK-Lager nicht schließen. Mit ihrem Staudammsystem hätte die Türkei jederzeit die Möglichkeit dazu gehabt. Ohne Wasser wäre Syrien wie eine Pflanze unter sengender Sonne verdorrt. Daraufhin sind die Lager in Syrien aufgelöst worden. Diesen Druck übt die Türkei nach wie vor aus. Die Wasserfrage ist ein starkes politisches Mittel.

SB: Wie ging es weiter in der Chronologie eurer Filme?

LF: Als wir dort in der Wüste waren und kein Wasser hatten, wurde mir die ganze Dimension des Problems schlagartig bewußt. Wir sind es gewohnt, den Wasserhahn aufzudrehen und jederzeit fließendes Wasser zu einem sozial verträglichen Preis zu haben. In den meisten Regionen Deutschlands ist es sogar trinkbar, dies gilt besonders für Hamburg - bis jetzt jedenfalls. Aber in Syrien ist es ganz anders. Dort gibt es mitunter stundenlang kein Wasser und trinkbar ist es ohnehin nicht. Überall, wo Wasser privatisiert ist wie in England oder früher in Uruguay und Argentinien, hat sich der Preis so verteuert, daß die Leute sich das tägliche Wasser zum Trinken nicht mehr leisten konnten.

Das hat uns zu der Frage geführt: Was sind das für Konzerne, die unser Lebenselexier privatisieren? Nur wer bezahlt, darf Wasser trinken, wer es sich nicht leisten kann, muß verdursten. Unser erster gemeinsamer Film hieß "Wasser unterm Hammer". In ihm haben wir die Teilprivatisierung der Wasserversorgung in Berlin mit Veolia und RWE in Kiel vor dem Hintergrund der englische Erfahrungen beschrieben. Margaret Thatcher hatte in ihrer Amtszeit die Wasserversorgung komplett in private Hände gelegt. In England gibt es mittlerweile zehn Wasserversorger. Damals hatte RWE Thames Water übernommen, doch 2005 wieder aus imageschädigenden Gründen abgestoßen.

SB: Was hat euch dann veranlaßt, den Film "Water Makes Money" zu drehen?

LF: In "Wasser unterm Hammer" hatten wir die Privatisierung zum Thema gemacht, aber in Frankreich sprechen die beiden französischen Konzerne Suez und Veolia nicht etwa von Privatisierung, sondern von Public Private Partnership. Von daher nimmt "Water Makes Money" die beiden weltgrößten privaten Wasserversorger vor allem hinsichtlich der drastischen Veränderungen in ihrem Heimatland Frankreich, wo die Wasserversorgung zu 75, 80 Prozent privatisiert war, unter die Lupe. Interessant daran ist, daß Public Private Partnership natürlich die beste Form ist, sozusagen in privater Betreiberschaft viel Geld aus der Wasserversorgung herauszuziehen, zumal die Öffentlichkeit die Kosten trägt. Public Private Partnership hat insbesondere in Frankreich viel damit zu tun, daß die Konzerne mit den Politikern enge Beziehungen aufgebaut haben, die dementsprechend Korruption begünstigen. Die Konzerne gaben den Politikern vor, welche Gesetze sie beschließen sollten, damit dies mit ihren Bauvorhaben d'accord gehen konnte. Durch Bestechung von Politikern wurde die Wasserversorgung in den französischen Städten reihum privatisiert. In der Folge mußten die Gemeinden viel zu viel für Wasser zahlen, und auch die Wasserqualität verschlechterte sich durch den Einsatz von Chlor. Zudem wurden die Rohre nicht repariert, wodurch ein hoher Wasserverlust entstand.

SB: 2015 wurde dann euer bislang letzter Film vorgestellt.

LF: Das war "Wer rettet wen? Die Krise als Geschäftsmodell". Dieser Film beleuchtet die Ursachen der Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die Zukunft. "Der marktgerechte Mensch" ist quasi eine Fortführung dieses Films.

SB: Für "Der marktgerechte Mensch" habt ihr eine Crowdfunding-Aktion in Gang gesetzt. Gibt es keine öffentlichen Fördermittel, die ihr in Anspruch nehmen könntet?

LF: Nach "Wasser unterm Hammer", "Water Makes Money" und "Wer rettet wen?" ist "Der marktgerechte Mensch" unser vierter Film, den wir mit Crowdfunding finanzieren, nur daß wir dazu Subskription sagen. Der Unterschied ist uns wichtig, weil wir nicht über fremde Plattformen gehen, sondern unser Projekt auf unserer eigenen Webseite vorstellen. Jeder, der 20 Euro und mehr spendet, bekommt nach Fertigstellung des Films eine DVD zugeschickt und kann damit nichtkommerzielle Vorführungen machen.

Bereits nach dem ersten Projekt haben wir gelernt, daß es nicht nur auf die finanzielle Unterstützung ankommt. Viel wichtiger ist, daß alle, die sich an der Fertigstellung des Films beteiligen, Verantwortung dafür übernehmen, den Film nicht nur selbst zu sehen, sondern ihn auch anderen zu zeigen. Auf diese Weise wird die Thematik in die Breite der Gesellschaft getragen. Das Kino ist natürlich ein starker Impulsgeber, aber dadurch, daß der Film auch in Kneipen, Wohn- und Stadtteilgruppen als auch in Schulen und Universitäten, meistens in Verbindung mit Diskussionen, gezeigt wird, bilden sich häufig auch Bürgerinitiativen, weil die Leute eine Idee davon bekommen, was auf dem Spiel steht. Das ist der eigentliche Wert von Subskription.

SB: Hat es in den Leitmedien Rezensionen über eure Filme gegeben oder hat man euch eher ignoriert?

LF: Eher letzteres. "Bahn unterm Hammer" hatten wir dem Fernsehen angeboten, aber sie wollten nichts davon wissen und haben gesagt: Was interessiert es den Bürger, daß die Bahn an die Börse geht. Aber in dem Moment, als der Film überall in den Kinos lief und Leute Kampagnen gemacht haben, wurde das Thema über Monitor und Tagesthemen plötzlich in die Medien gehoben. Was unsere Filme über die Wasserproblematik anbelangt, hat außer der taz, dem Hamburger Abendblatt und der Süddeutschen Zeitung niemand darüber berichtet. Erst als Veolia gegen "Water Makes Money" einen Prozeß führte, entstand mehr mediale Aufmerksamkeit, aber ansonsten wurde das Thema Privatisierung und Rekommunalisierung von Wasser häufig schlicht vermieden. Das betraf nicht nur unseren Film, sondern eine ganze Reihe von Referenden wie zum Beispiel in Berlin, wo die Offenlegung der Verträge gefordert wurde. Obwohl unsere Filme sehr erfolgreich waren, haben sich die Medien meist nicht eingeklinkt, was aber auch klar ist, denn wir machen die Filme ja kontramedial.

SB: Und wie war die Resonanz seitens der gesellschaftlichen Öffentlichkeit?

LF: Allein in Deutschland gab es 730 Veranstaltungen seit der Premiere von "Wer rettet wen?" im letzten Jahr. Trotzdem treffe ich auf Veranstaltungen immer wieder Leute, die von uns oder dem Film noch nie etwas gehört haben. Zur Premiere des Films gab es einige sehr schöne Berichte in verschiedenen Programmen und Zeitungen, aber danach hat es trotz der zahlreichen Vorführungen des Films kaum noch Reaktionen gegeben. Wir erzählen eben in unserem Film Dinge, die in den Medien ganz anders dargestellt werden, das macht es so schwierig.

SB: Vor dem Hintergrund deiner langen Erfahrung im Bereich Dokumentarfilm einmal gefragt: Wie ist die heutige Situation von Dokumentarfilmern, die natürlich auf öffentlich-rechtliche Medien angewiesen sind?

LF: Es gab einmal eine Phase, wo es besser ging. Im Moment habe ich das Gefühl, daß es wieder richtig absackt und Medien und Fernsehen ziemlich gleichgeschaltet werden. Wenn man sich anschaut, wer in den Rundfunkräten sitzt, ist das nachlassende Interesse nicht verwunderlich. Daß "Die Anstalt" überhaupt noch existiert, finde ich grandios. Im Augenblick läuft eine Petition, das Kabarett nicht so spät auszustrahlen, sondern auf 20.15 Uhr vorzuverlegen. Die Petition sollte jeder unterschreiben, denn die Sendung ist eine Ausnahmeerscheinung.

Ich möchte gar nicht bestreiten, daß auch gute Filme gemacht werden, aber sie werden immer mehr in die Spätprogramme gedrückt. Unser Film "Wer rettet wen?" macht ja einen Bogen von den Ursachen bis zu den Auswirkungen in der Zukunft. Was sonst zu diesem Thema gezeigt wurde, betraf eher die Symptome der Krise. Aber niemand spricht darüber, wie Konzerne und Institutionen überhaupt eine solche Machtkonzentration erreicht haben. Das ist auch meine Kritik an die Adresse des Fernsehen. Man versucht, die Hintergründe einfach wegzulassen oder Filme, die dies nicht tun, in wenig frequentierte Tageszeiten oder Spartenprogramme auszulagern.

SB: Kannst du dir vorstellen, daß alternative Formen des Filmemachens, aber auch der Aufführung von Filmen, wie es sie in den 60er und 70er Jahren in Ansätzen gab, vielleicht noch einmal zu einer Art Gegenbewegung führen?

LF: Ja unbedingt. So haben beispielsweise die Crowdfunding-Bewegungen über ihre Plattformen im Internet einen wahnsinnigen Schub gekriegt, daß Leute anfangen, unabhängig vom Fernsehen oder der Filmförderung Filme mit hohem Aufklärungsanspruch zu machen. Ich denke schon, daß es möglich ist. Ich möchte jedoch noch anfügen, daß uns Arte bei "Water Makes Money" total unterstützt und den Film extra am Abend vor dem Prozeß noch einmal gezeigt hat. Am Prozeßtag selbst gab es noch ein Interview. Aber bei "Wer rettet wen?" wollten sie nicht mitgehen, und "Der marktgerechte Mensch" hängt noch in der Schwebe.

Zu diesem neuen Projekt haben wir am 1. September einen Spendenaufruf [3] gemacht, und das Echo ist wirklich toll. Daß so viele Leute gespendet und auch geschrieben haben: Es ist phantastisch, daß ihr euch diesem superwichtigen Thema zuwendet, über das keiner sprechen will - hat uns in unserer Arbeit unheimlich bestärkt.


Der marktgerechte Mensch“ Ein Interview mit Leslie Franke

Gesellschaftliches Engagement ist schon seit der Gründung von KernFilmproduktion das zentrale Anliegen der Plattform für dokumentarisch arbeitende Filmschaffende. Leslie Franke und Herdolor Lorenz gründeten Kernfilm 1985. Inzwischen hat Kernfilm viele eigene dokumentarische Werke realisiert, aber auch die Arbeiten anderer Filmemacher produziert. Eine Besonderheit ist die von Kernfilm praktizierte Finanzierung durch Subskription für „Filme von unten“, was bedeutet, dass die, die das aktuelle Thema wichtig finden, sich auch an der Entstehung des Filmes – meist finanziell – beteiligen.

Ein Klick ins Kernfilm-Archiv bietet einen Überblick über mehr als dreißig Jahre gesellschaftliches Engagement im Bereich Dokumentarfilm. Neben vielen anderen wichtigen Themen widmete sich das Team besonders der Privatisierung der Wasserressourcen durch Staaten oder Konzerne. „Blaues Gold im Garten Eden“, „Wasser unterm Hammer“ und „Water makes money“ sind Titel aus diesem Bereich. Die Filme haben an Aktualität nichts eingebüßt, denn die fatale Privatisierung in Gestalt von ÖPP (Öffentlich Privaten Partnerschaften) schreitet in allen Bereichen der Daseinsvorsorge unaufhaltsam voran.

2015 beschäftigte sich die Kernfilm in dem Film „Wer rettet wen?“, mit der so genannten Finanzkrise. Die als Rettung maskierte Umwandlung privater Schulden in öffentliche, das Abschmelzen aller sozialen Errungenschaften und Arbeitsrechte, eine Gesellschaft, in der die Demokratie ad absurdum geführt wird – all diese im Film angesprochenen Themen gehören nach Friedas Ansicht eigentlich in die beste Sendezeit der Öffentlich Rechtlichen Medien. Aber in diesem Fall geht der Dokumentarfilm offensichtlich über die TV übliche Symptombeschreibung hinaus. „Wer rettet wen“ benennt mit seriöser Recherche und professioneller Umsetzung ungeschminkt Ursachen und Konsequenzen dieser Entwicklung für unsere Gesellschaft. Und diese Form der Bewusstmachung will man offensichtlich den Zuschauern nicht zumuten.

Alle Filme können bei Kernfilm als DVD oder Bluray bestellt werden. Ein aktuelles Projekt trägt den Titel „Der Marktgerechte Mensch“. Der Film soll zeigen, wie Solidarität verloren geht und wir alle Gefahr laufen, in Konkurrenz zueinander zu versinken, während Reiche immer reicher werden.

Frieda sprach mit Leslie Franke über frühere und neue Projekte

Frieda: Leslie, jahrezehntelanges Engagement für uns alle. Da lässt sich im Vorfeld, und das sicherlich im Namen von vielen, einfach nur mal „Danke!“ sagen. Welche eurer Filme schafften es eigentlich überhaupt in das Öffentlich Rechtliche Fernsehen, das uns ja mittels GEZ-Zwangsgebühr dazu nötigt, Presseunfreiheit zu unterstützen?

Leslie: Die ersten Jahre haben wir hauptsächlich für NDR, WDR und Arte gearbeitet, viel im Ausland, hauptsächlich UdSSR, später in den Nachsowjetischen Staaten und dem Nahen Osten. Aber als wir begannen, uns Themen „vor der eigenen Haustür“ vorzunehmen, bekamen wir mit der Art unserer Herangehensweise schon Schwierigkeiten wie zur Privatisierung der Kommunalen Wasserversorgung in Deutschland. Als die Bahn 2007 an die Börse gebracht werden sollte, meinten die Sender, dieses Thema interessiere die Zuschauer nicht. Daraufhin begannen wir zum ersten Mal, den Film über Subskription zu finanzieren. Als er dann überall in den Kinos gezeigt und zu vehementen öffentlichen Diskussionen führte, wurde das Thema plötzlich auch für die Sender relevant.

Frieda: Eure Filme gehen ja schließlich uns alle an. Eigentlich müssten die Medien ja jubeln, wenn sich ein Filmteam mit all diesen gesellschaftsrelevanten Fragen auseinandersetzt. Welche Erfahrungen habt Ihr generell mit der Presse gemacht?

Leslie: Als es um Wasser und Bahn ging, hat die Presse es vorgezogen, erst einmal zu schweigen. Aber das betraf weniger uns als Filmemacher als das Thema an sich. Hier sollte etwas totgeschwiegen werden, was uns aber existentiell angeht. Der Effekt war: Die Filme wurden als Aufklärungsinstrument eingesetzt als es z.B. um die Privatisierung des Wassers in Italien ging, zur ersten Europäischen Bürgerinitiative gegen eine neue Brüssler Konzessionsrichtlinie zur Erleichterung der Privatisierung, zum Referendum in Berlin gegen die teilprivatisierten Wasserbetriebe, es wurden Unterschriften im Anschluss an die Filmvorführung gesammelt, es gründeten sich Bürgerinitiativen in vielen Städten usw.

(c) Kernfilm

Frieda: Die so genannte Bankenrettung erschüttert, wie Ihr schreibt, Gesellschaften, die sich als Sozialer Rechtsstaat begreifen, in den Grundfesten. Mario Draghi, EZB-Präsident und ehemaliger Goldman-Sachs-Vizepräsident, gab selbst zu: „Das europäische Sozialmodell ist Vergangenheit. Die Rettung des Euro wird viel Geld kosten. Das bedeutet, vom europäischen Sozialmodell Abschied zu nehmen.“ Seit sieben Jahren werden mit vielen hundert Milliarden öffentlicher Gelder Banken gerettet. „Wer rettet wen?“ zeigt auf, was bei dieser „Rettung“ verborgen geblieben ist und wie die Superreichen davon profitieren – auf Kosten von 99 Prozent der Menschheit. Wie habt Ihr den Film finanziert und was hat er bewirkt?

Leslie: „Wer rettet wen?“ ist schon der dritte Kinofilm, den wir zum größten Teil über Subskription finanzierten. Hunderte Menschen sind es dann, die das Thema mittels Film in allen Ecken der Republik verbreiten und diskutieren. Und das ist der eigentliche Effekt dieser Finanzierungsmethode: Alle, die die Produktion unterstützen, fühlen sich verantwortlich und werden zu MultiplikatorInnen. Seit der Premiere im Februar 2015 bekamen wir über 700 Veranstaltungen gemeldet, auch aus Universitäten und Schulen. Natürlich gibt es unzählige, von denen wir nichts wissen, denn den Film gibt es auch in fünf Sprachversionen. Auf den Film-Diskussionen, zu denen wir eingeladen wurden, hatten wir immer den Eindruck, dass die Zuschauer auf der einen Seite erleichtert waren, dass sie endlich verstanden haben, wie es zu den heutigen Entwicklungen kommen konnte. Aber andererseits waren sie natürlich empört darüber, dass die Mainstream-Medien ihnen so wichtige Informationen vorenthalten hatten. D.h. diese Form des Crowdfundings bei wichtigen gesellschaftlichen Themen könnte sich zu einer dritten Kraft in der Berichterstattung entwickeln.

Frieda: Im neuen Kernfilmprojekt „Der Marktgerechte Mensch“ geht es u.a. um die Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt. Ihr zeigt weniger die Symptome dafür auf, sondern in erster Linie deren Ursachen. Diese Herangehensweise zeichnet auch eure sonstigen Filmproduktionen aus. Symptom- statt Ursachenbekämpfung finden wir ja auch in anderen Bereichen, beispielsweise in der Medizin. Was die Ursachen angeht, scheinen diese aber generell eine Art gemeinsame Schnittmenge zu bilden. Unter dem Strich scheint es so zu sein, dass immer dieselben profitieren, beispielsweise Aktiengesellschaften. Die politischen Parteien sind für viele ja auch keine Option mehr, weil man den Eindruck gewinnt, dass es ab einer bestimmten Stufe in der Hierarchie sowieso egal ist, wer in der Regierung sitzt, weil der Einfluss der Lobbyisten einfach zu stark zu sein scheint. Was können deiner Meinung nach Menschen konkret tun?

Leslie: Wir müssen die Demokratie, die Solidarität stärken. Der Widerstand kann nur aus der Zivilgesellschaft kommen. Und das geht nur durch Aufklärung, nicht über Polarisierung. Und wir sollten uns Gedanken darüber machen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Es gibt z.B. schon verschiedenste Gemeinwohl-Projekte, die wir als wichtige Keimzellen wahrnehmen und unterstützen könnten, wenn sie sich für ein anderes Denken jenseits von Profitraten und menschlicher Ausbeutung gestalten. Auch wenn, wie du sagst, für viele die politischen Parteien keine Option sind, würde ich doch dafür plädieren, dass wir BürgerInnen gemeinsam die PolitikerInnen mit unseren Forderungen und Kritiken konfrontieren, Widerstand leisten wie bei TTIP z.B. oder der Privatisierung der Wasserversorgung oder des Gesundheitsbereiches etc. Menschen, denen das nicht möglich ist, können ihre Macht als Kunden ausspielen, indem sie ihre Bank gegen eine Gemeinwohlbank eintauschen oder keine Nestlé-Produkte mehr kaufen, weil dieser Konzern weltweit den Menschen das Trinkwasser stiehlt, indem er es profitabel in Flaschen abfüllt. JedeR kann in seinem Bereich, Umfeld aktiv werden!

Frieda: Worum geht es „Der Marktgerechte Mensch“ konkret?

Leslie: Noch vor 20 Jahren hatten in Deutschland knapp zwei Drittel der Beschäftigten einen Vollzeitjob mit Sozialversicherungspflicht. 38% sind es nur noch heute. Aktuell befinden sich bereits knapp die Hälfte der Beschäftigten in Praktika, wiederholt befristeter Arbeit, in Werkverträgen und Leiharbeit! Altersarmut ist programmiert. Völlig ungesicherte Arbeit wie die der „Crowdworker“ (Internet-Arbeiter) und der Auftragsarbeit per App breiten sich schnell aus und unterlaufen den Mindestlohn. Manch gut Gebildete haben drei Jobs, um zu überleben. Diese Entwicklung ist menschengemacht! Zuerst wurden in den USA und England die neoliberalen Vorstellungen vom schlanken Staat und einem schrankenlosen, globalen Markt umgesetzt. In Deutschland wurde diese Politik von der rot-grünen Regierung Schröder/Fischer übernommen. Mit einer Senkung der Unternehmenssteuern und der Deregulierung der Arbeit erreichte sie es, deutschen Konzernen nachhaltig enorme Kostenvorteile zu verschaffen. Gleichzeitig sanken die Realeinkommen zwischen 2000 und 2010 im Mittel um 4,2 Prozent. Die Beschäftigten an der unteren Einkommenshälfte mussten sogar Reallohnverluste zwischen 13,1 und 23,1 Prozent verkraften.

Die Senkung der Arbeitskosten als einseitige deutsche Maßnahme im taufrischen Euro-Währungsverbund hatte katastrophale Folgen. Sie hat der deutschen Exportindustrie entscheidende Wettbewerbsvorteile gebracht – für alle anderen Länder der Eurozone dagegen zunehmende Nachteile ihrer eigenen Industrien. Mit dem Argument, wieder wettbewerbsfähig zu werden, sind die anderen Länder seither unter enormen Druck geraten, es Deutschland gleich zu tun. Und in der Finanzkrise wurden Griechenland Spanien, Portugal und Italien sogar gezwungen, die Arbeitsrechte aufzuweichen. „Ich habe geliefert“, sagte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi bei seinem Staatsbesuch in Berlin. Er hatte die Deregulierung des Arbeitsrechts geliefert. Griechenland, Portugal und Spanien hatten bereits geliefert. Doch die Arbeitslosigkeit ist dadurch nirgendwo gesunken. Aber fast alle Menschen in Europa haben an sozialer Sicherheit verloren und wurden in einen Konkurrenzkampf geschickt, der zunehmend alle Lebensbereiche umfasst.

Viele Menschen ahnen, dass da etwas schief läuft. Sie fühlen sich ausgeliefert, weil sie das Menschenwerk hinter der Deregulierung nicht verstehen. Doch diese Entwicklung ist mitnichten „alternativlos“. Die Demokratie hat nur eine Chance, wenn Bürger anfangen, ihre Interessen zu erkennen. „Der Marktgerechte Mensch“ wird ein Werkzeug dazu sein.

Frieda: Was braucht Ihr aktuell, um das Projekt weiter nach vorne zu bringen?

Leslie: Wir sind mit der Subskription schon sehr erfolgreich vorangekommen in den drei Monaten seit Beginn. Über 500 Menschen unterstützen uns schon, auch die Bundesfilmförderung ist im Boot. Aber um diese zu bekommen, müssen wir bis Juli 2017 über die Förderung „von unten“ 110.000 € erreichen. Wer sich genau über das Projekt informieren möchte, gehe bitte auf die Webseite: www.der-marktgerechte-mensch.org.

Frieda: Herzlichen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

   

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