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»Die Chefs üben offenbar großen Druck aus«

Ein Dokumentarfilm will prekäre Arbeit in der BRD beleuchten. Doch ­wenige Betroffene wollen sich öffentlich äußern. Ein Gespräch mit Leslie Franke

Junge Welt, Ausgabe vom 03.07.2017,

Interview: Ben Mendelson
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Immer auf Abruf, sechs Tage die Woche, 24 Stunden am Tag: Arbeiterin bei Foodora

Leslie Franke ist Regisseurin und Mitbegründerin der Kern-Filmproduktion. Derzeit arbeitet sie mit Herdolor Lorenz an dem Dokumentarfilm »Der marktgerechte Mensch«Die Kampagne, um den Film zu ­finanzieren, wurde bis zum 1. September verlängert. Mehr Informationen: www.marketable-people.org

Sie suchen derzeit Menschen, die bereit sind, in Ihrem neuen Film »Der marktgerechte Mensch« aufzutreten: neben »Aufstockern« und Personen mit mehreren Jobs, die trotzdem kaum über die Runden kommen, gerade Beschäftigte, die mit sogenannten Bereitschaftsverträgen angestellt sind. Was ist problematisch an diesem besonderen Arbeitsverhältnis?

Den Mitarbeitern mit solchen Verträgen wird zugesagt, dass sie zehn bis 15 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Sie müssen sich aber sechs Tage die Woche bis zu 24 Stunden am Tag auf Abruf zur Verfügung halten. Diese Bereitschaft wird von Lieferdiensten wie Foodora verlangt, ebenso bei der Textilkette H&M. Und dieses Beschäftigungsverhältnis scheint sich in diesen Sektoren weiter auszuweiten. Aus meiner Sicht ist das eine moderne Form der Sklaverei. Sie können keine andere Arbeit annehmen, obwohl viele noch nicht mal auf die versprochenen zehn Stunden pro Woche kommen.

Wie reagieren die Beschäftigten darauf?

Ich würde mich freuen, wenn sie sich untereinander solidarisieren würden. Aber da die meisten versuchen, ihren Kollegen die Stunden abzujagen, um selbst über die Runden zu kommen, sehe ich dafür wenig Chancen.

Hat sich dazu jemand vor der Kamera geäußert?

Wir sprechen derzeit mit vielen Leuten, finden aber niemanden, der bereit ist, sich auch vor die Kamera zu stellen. Die Chefs üben offenbar großen Druck aus.

Zu welchem Arbeitssektor recherchieren Sie aktuell noch?

Derzeit arbeiten wir in Deutschland viel zum Gesundheitswesen. 2004 wurden die Kliniken mit der Einführung der Fallpauschale marktgängig gemacht. Jede Diagnose hat seitdem einen festen Preis, den die Krankenkassen bezahlen. Deshalb konkurrieren die Krankenhäuser um die Patienten, es hat sich längst ein Wettbewerb etabliert. Da gibt es kaum Unterschiede zwischen kommunalen, landeseigenen und privaten Krankenhäusern. Alle arbeiten gewinnorientiert.

Viele Kliniken wie die Charité oder Vivantes in Berlin gründen Tochtergesellschaften. Die dort Beschäftigten werden nicht nach Tarif bezahlt und bekommen oft zwischen 400 und 800 Euro weniger im Monat als ihre Kollegen. Gespart wird bei den Pflegekräften, bei Putzkräften und bei den Menschen, die für Bluttransporte, das Sterilisieren der Instrumente oder den Weg in den OP zuständig sind.

Welche weiteren Konsequenzen hat diese Ausrichtung an Wettbewerb und Markt?

Die Patienten werden eingeteilt in lukrative und nicht lukrative Fälle. Wer mit einer Krankheit eingeliefert wird, für deren Behandlung es nur wenig Geld gibt, wird möglichst schnell abgewickelt oder sogar abgewiesen. Die meisten Krankenhäuser haben in unrentablen Abteilungen Personal abgebaut, die Notaufnahmen sind völlig unterbesetzt. Denn dort bekommt das Krankenhaus für einen aufgenommenen Patienten, der zum Beispiel einen Herzinfarkt hat, nur geringe Beträge. Das deckt nie und nimmer die Kosten. Wenn aber jemand mit Rückenschmerzen in die Klinik kommt und man ihm in fünf Minuten eine Operation aufschwatzen kann, werden 30.000 Euro und mehr gezahlt. Dann jubelt die Klinikleitung. In Hessen werden viele Rückenoperationen durchgeführt, andernorts besonders häufig Kaiserschnitte. Nur, weil dort Kliniken sind, die ausgelastet werden müssen, um Gewinne zu erzielen.

Diese Änderungen werden doch auch die Ärzte spüren.

Für sie ist die Situation verrückt. Früher musste der Arzt darauf schwören, dass er sein ganzes Augenmerk auf das Wohl des Patienten richtet. Heute bekommen die Ärzte Bonuszahlungen, wenn sie möglichst viele lukrative Diagnosen in kurzer Zeit stellen. Andernfalls könnten ihre Stationen geschlossen oder Pflegerinnen entlassen werden. Uns haben viele Ärzte berichtet, dass diese Situation nichts mehr mit ihrem eigentlichen Beruf zu tun hat. Sie werden dazu genötigt, möglichst viele Operationen zu machen – auch dann, wenn es nicht nötig ist. Am Ende bleibt der möglichst marktgerechte Patient, dessen Wohl längst nicht mehr im Mittelpunkt steht.

   

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