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Filmtipp: Der marktgerechte Mensch

Hartwig Tegeler

 Während der Freizeit oder bei der Arbeit: Überall optimiert der moderne Mensch sich selbst. Die Dokumentation "Der marktgerechte Mensch" von Leslie Franke, Alexander Grasseck und Herdolor Lorenz fragt nach den Folgen dieses Trends für das Zusammenleben. Ab 16. Januar 2020 im Kino.

Dr. Ellis Huber, ehemaliger Chef der Ärztekammer Berlin, konstatiert im Film „Der marktgerechte Mensch“:

Dieser kontinuierliche Stress und diese Angst, verloren und verlassen zu sein, macht heute die häufigsten Krankheiten, die in die Arztpraxis kommen.

Ellis Huber, Arzt

Toilettengang gespart: mit Windel an den Arbeitsplatz

Der Strukturwandel hat Folgen für den gesellschaftlichen „Gesamtkörper“. Diese Folgen beschreiben Leslie Franke und Herdolor Lorenz am Beispiel von Beschäftigten des Einzelhandels, die auf Abruf arbeiten, die Näherinnen der Textil- und Bekleidungsindustrie in Äthiopien, die aufgefordert werden, mit einer Windel an ihren Arbeitsplatz zu gehen, um nicht während ihrer Schicht auf die Toilette gehen zu müssen, weil das den „Workflow“ unterbrechen würde.

Wir begegnen Crowdworkern, die auf Internet-Plattformen ihre Arbeit anbieten und mit der ganzen Welt konkurrieren. Wissenschaftliche Mitarbeiter kommen zu Wort, die sich in bisher sicher geglaubten Arbeitsstrukturen wie Universitäten heute in kurzfristig befristeten Anstellungen wiederfinden. Oder wir sehen Lukasz, den Essenslieferanten, der mit seinem Fahrrad durch eine Stadt wie Hamburg hetzt und dabei von einem Algorithmus gesteuert wird:

Wir sind alle Freelancer, Freiberufliche. Das heißt, Delivero hat keine angestellten Fahrer. Es ist alles ganz prekär, da wir nie wissen, wie viel wir verdienen werden.

Lukasz, Essenslieferant bei Delivero

Im Neoliberalismus ist jeder seines Glückes Schmied

Leslie Franke und Herdolor Lorenz gelingt es in „Der marktgerechte Mensch“ überzeugend, die sich radikal verändernden Strukturen der Arbeits- und Lebensformen zu analysieren und die Konsequenzen dieses Wandels zu zeigen. Psychologen, Soziologen und Mediziner beschreiben das Denken und die Ideologie, die Basis dieses Wandels ist.

Die schöne neue Arbeitswelt basiert, wie der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling sagt, auf einem Versprechen:

Wenn du an dir arbeitest, dann wirst du wirtschaftlich erfolgreich sein, du kannst reich werden, du wirst beziehungsfähig sein, du wirkst Freunde finden [...] Wenn du dich nicht genügend unternehmerisch orientierst, nicht genügend in diesem Sinne an dir arbeitest, dann wirst du schon sehen, wo du landest. Dann musst du damit rechnen, dass du abstürzt.

Ulrich Bröckling, Soziologe

Ulrich Bröckling zeigt damit die Ideologie des Neoliberalismus' und seine Vorstellung vom „marktgerechten Menschen“.

Isolierung und Einsamkeit, Depression und Schuldgefühle

Der Film „Der marktgerechte Mensch“ zeigt Arbeits- und Lebensformen, die geprägt sind von Isolierung und Einsamkeit, Depression und der eigenen Schuldzuweisung für das eigene gesellschaftliche Schicksal.

Damit liegt es auf der Hand, dass Leslie Frankes und Herdolor Lorenz' Film „Der marktgerechte Patient“ und die aktuelle Doku „Der marktgerechte Mensch“ zusammengehören. In der  kritischen Bilanz des Gesundheitssystems in der Doku von 2018 waren am Ende Ärzte und Pflegepersonal zu sehen, die gegen ein Krankenhaussystem demonstrierten und streikten, das nicht mehr menschengerecht ist.

Dokumentarfilm zeigt Alternativen auf

Im gleichen Sinn geht es in „Der marktgerechte Mensch“ im letzten Kapitel um Initiativen und Betriebe, in denen das neoliberale Primat des Einzelkämpfertums ins Gegenteil verkehrt wird. Es geht um eine Bank, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaftet, wir begegnen Beschäftigten von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen wollen. Der Gegenentwurf zur Idee, dass unserer Natur Solidarität fremd ist. Was sowieso nicht stimmt, meint der Entwicklungspsychologe Felix Warneken:

Eine häufige Annahme ist, das wir als Egoisten geboren werden, und dass wir über die Entwicklung umprogrammiert werden müssen vom Egoisten zu jemandem, der kooperativ ist. Aber, was wir eben finden, dass selbst Kleinstkinder schon kooperative Fähigkeiten haben. Dass Kleinkinder sich auch schon sehr früh mit vierzehn, achtzehn Monaten um andere kümmern, wenn sie sehen, dass jemand anders ein Problem hat.

Felix Warneken, Entwicklungspsychologe

Herausragende Doku setzt Kontrapunkt zur Ellbogenmentalität

Das Hohe Lied auf Konkurrenz und Wettbewerb und Selbstoptimierung und Ellbogenmentalität hat ohne Frage inzwischen auch unsere persönlichen Beziehungen erreicht. Diesem dunklen Bild unserer Arbeits- und Lebenswelt setzen Leslie Franke und Herdolor Lorenz am Ende den Kontrapunkt von gemeinschaftlichem und solidarischem Handeln entgegen. Was notwendig ist, um diese herausragende Doku überhaupt aushalten zu können.

aus der Sendung vom Do, 16.1.2020 16:05 Uhr, SWR2 Impuls, SWR2

   

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