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Der marktgerechte Mensch

„Freelancing ist wie der Wilde Westen“: Ein kritischer Dokumentarfilm über den Druck zur Selbstoptimierung und die Erodierung des sozialen Zusammenhalts im Zeichen des Kapitalismu.

In Paris, neben der Seine unter einer Brücke, treffen sich diverse Menschen und machen Fitness-Übungen. Ist eine Einheit abgeschlossen, blicken sie sofort auf ihre Smartphones – sie trainieren angeleitet von einer App. Freeletics ist eine jener Applikationen fürs Handy, die der Selbstoptimierung dienen. „Personalisiertes Training“, unterstützt durch eine lernende Künstliche Intelligenz, den „digitalen Coach“: So wird auf der Webseite das Produkt beworben – „Personalisiere deine Journey“. Eine Wortwahl, die aus der Sportübung eine Art Heldenreise macht. Denn die App macht dich ja zum Helden, wenn du es schaffst, dein Pensum stetig zu erhöhen und damit Ratings der Community zu ergattern. Das sind dann „Die Gefährten“. Oder bringt das digitale Social Ranking nicht vielmehr echtes solidarisches Verhalten zum Zusammensturz?

Missstände durchschaubar machen

Es ist eine Leistung des Dokumentarfilms von Leslie Franke, Alexander Grasseck und Herdolor Lorenz, dass die Ambivalenz in der Nutzung der App erhalten bleibt. Die vor allem jungen Menschen, die zu Wort kommen, sind überzeugt davon, dass die App ihnen hilft, ein besseres Selbstbild zu bekommen. Eine junge Frau meint, seit sie die App benutze, komme sie besser mit dem Wettbewerbsstress im Studium zurecht.

Dennoch verfährt „Der marktgerechte Mensch“ in erster Linie anklagend und deckt Missstände auf. Franke, Grasseck und Lorenz machen mehr als Dokumentarfilme, sie sind Filmemacher und Aktivisten zugleich, schaffen filmgestützte Kampagnen, hier gegen das letzte Auspressen menschlicher Ressourcen, gegen menschenunwürdige Beschäftigungsverhältnisse, gegen neue prekäre Arbeitsverhältnisse im Zeichen der Digitalisierung. Sie zeigen, welche Folgen all dies für unser soziales Miteinander und unsere Gesundheit hat. Denn mag eine App wie Freeletics Körper und Geist auch widerständiger machen: sie erzeugt vor allem Druck, immer besser zu werden.

Für Faulheit ist in dieser Welt kein Platz mehr; Faulheit wird zur Fäule. Die Filmemacher lassen auch Mediziner und Neurobiologen zu Wort kommen, die davor warnen, welche fatalen Folgen diese Einstellung in Arbeit und Alltag für die Psyche des Menschen haben kann. Was der Soziologe Andreas Reckwitz als „Singularisierung der Arbeitswelt“ (die sich auch in der Digitalisierung zeigt) bezeichnet, führt zum Verlust dessen, was den Menschen als soziales Wesen auszeichnet. Ein Mediziner im Film drückt es sehr schön aus. Diagnostiziert wird das „Zerbrechen des sozialen Bindegewebes“.

Reckwitz kommt im Film nicht zu Wort, aber diverse andere Soziologen, wie etwa Eva Illouz, die sich damit beschäftigt, was der Kapitalismus mit unserem Gefühlsleben macht. Die Bandbreite der Experten, Betroffenen und Akteure, die zur Glaubwürdigkeit beitragen, dass der Kapitalismus zerstörerische Kräfte freisetzt, ist enorm: Freelancer, die an der digitalen Frontier des Crowdworkings tätig sind, Prof. Bettina Musiolek  von Clean Clothes, die sich mit den Beschäftigungsverhältnissen in der Bekleidungsindustrie auseinandersetzt, bis zu Akteuren des Netzwerks Gute Arbeit in der Wissenschaft, das sich dem Kampf gegen die prekären Arbeitsverhältnisse an den Universitäten verschrieben hat. Da Franke und Lorenz in Hamburg ansässig sind, fehlt auch der G20 Gipfel 2017 nicht. Hier gibt es einen schönen Schnitt von einem Teilnehmer der Demonstration, der von einem Polizisten geschlagen wird und zu Boden geht, auf einen Darsteller der Perfomance „1000 Gestalten“, die sich als roter Faden durch den Film zieht.

Alternativen

Paris ist nur ein Handlungsort unter vielen und die digitale Selbstoptimierung nur eines unter zahlreichen Handlungs- und Krisenfeldern, die in diesem Film ihren Platz finden. Dabei gelingt es, Kritik zu üben und den Finger in Wunden des Kapitalismus zu legen, aber auch Alternativen aufzuzeigen. Sei es, dass der Betriebsrat von H&M einen Erfolg zu verzeichnen hat oder sich Mitarbeiter von Lieferando zusammengetan haben, um einen Betriebsrat zu gründen. Auch kooperatives Wirtschaften kommt zur Sprache und die Leitfigur dieser Alternative zur Exzellenz- und Wettbewerbsgesellschaft, Christian Felber, zu Wort. In der Episode zur Arbeit des Netzwerks Gute Arbeit in der Wissenschaft fällt die treffende Aussage, dass die prekären Zeitverträge, die den Wissenschaftsbetrieb dominieren, zu einer „Entsolidarisierungsmaschinerie“ führen. Klar, Tausende von qualifizierten Akademikern kämpfen um eine Handvoll Professuren, denn jenseits davon gibt es viel zu wenige Stellen für Wissenschaftler. Wen wunderts, dass da jeder nur noch an sich denkt.

Solidarisch haben sich aber viele Menschen gezeigt, die für die Herstellung von „Der marktgerechte Mensch“ gespendet haben. 186.000 EUR sind zusammengekommen. Es ist ein „Film von unten“, wie es die Filmemacher ausdrücken. Das stimmt: in seinem Anliegen und immerhin einem nicht unerheblichen Teil seiner Finanzierung.

   

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